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Comicverfuehrer

Mann? Frau? Trans? Die Comics „In der Haut eines Mannes“ und „Dragman“ greifen das Thema attraktiv und unterhaltsam auf. Trotzdem bleiben Wünsche offen



Illustration: Hubert/Zanzim - Reprodukt


Diese Mann-Frau-Trans-Angelegenheit schwappt gerade in die Comics, und ich kann das nicht schlecht finden. Leider werde ich mit den Resultaten nicht so ganz warm. Liegt's an mir? Möglich, ist aber nicht schlimm, weil diese beiden Titel es ihrer Leserschaft leicht machen, sie zu mögen. Kann also gut sein, dass meine Mäkelei hier auf taube Augen stößt, und das ist ja dann auch wieder okay.


Wohlgefühl in fremder Haut


Geschichte Nummer Eins ist ein Märchen. Es spielt in einer mittelalterlichen Stadt, in Italien. Die hübsche, junge Bianca soll verheiratet werden, mit Giovanni, den sie nie zuvor gesehen hat. Ihre Patin nimmt die künftige Braut unter ihre Fittiche und verrät ihr ein Geheimnis: Die Familie besitzt eine Mannshaut namens "Lorenzo", die man sich überstreifen kann und mit der man zum Mann wird. So getarnt könnte Bianca ihrem künftigen Gemahl auf den Zahn fühlen.

Illustration: Hubert/Zanzim - Reprodukt

Bianca tarnt sich also als Lorenzo, trifft ihren Mann im Gasthaus und ist zunächst geschockt, wie Männer so untereinander sind. Dann allerdings freundet sie sich mit Giovanni an, der Lorenzo erst bekumpelt und dann in eine Schwulenkneipe schleppt, weil: Giovanni steht mehr auf Jungs als auf Mädels. Die beiden beginnen prompt eine sehr befriedigende Beziehung, die, wie Bianca nach der Ehe feststellen muss, für Bianca weit weniger befriedigend ist als für Lorenzo. Klingt drollig, oder?


Hübsche Optik, reizvolle Ausgangslage


Sieht auch drollig aus: Zeichner Zanzim (hinter dem sich Frédéric Leutelier verbirgt) hat eine hübsche Stadt zwischen Siena und San Gimignano entworfen, seine Figuren lehnt er stark an die von Christophe Blain an, seinen Bildaufbau stibitzt er sich aus dem Mittelalter und bei Cyril Pedrosas Goldenem Zeitalter zusammen, aber das Ergebnis wirkt trotzdem sehr ansehnlich und unterhaltsam. Genau beim Unterhaltsamen aber beginnt mein Problem .


Denn die Geschichte ist ziemlich bierernst, und je länger sie dauert, desto steifer wird sie.

Der Ortsmönch, der gegen die Fleischeslust hetzt, ist verklemmt und notgeil. Die Bösen sind böse, die Guten gut. Jede Debatte darüber, was Männer dürfen und Frauen nicht, wird wortwörtlich so geführt, mehrfach und zwar mit der Schlagfertigkeit und Spritzigkeit eines Holzhammers. Hinterher wird durch den tollen Lorenzo alles repariert, aber halt arg schlicht: Die Bösen werden bestraft, die Guten gerettet, Ende, aus, Applaus.


Genau wie im Märchen? Ja, stimmt schon. Aber trotzdem kommen mir die Zutaten besser vor als das Ergebnis.



Der erste echte Transheld

Illustration: Steven Appleby - Schaltzeit Verlag

Bei diesem Titel liegt die Sache etwas anders. Es geht um „Dragman“, dem sie immerhin in Erlangen im Sommer den Max-und-Moritz-Preis umgehängt haben. Und ich gebe gern zu: An „Dragman“ herum zu quengeln ist noch eine Spur schwerer.


Der Held dieser Geschichte ist August Crimp. Ein mittelalter Mann, der fliegen kann, sobald er Frauenkleider trägt. Als er bei einem Unfall ein herabfallendes Mädchen rettet, wird er berühmt als „Dragman“, der Superheld. Leider brauchen Superhelden eine Lizenz, und die gibt’s nur im Superheldenclub. Der aber ist komplett transhomoundwasweißichphob.

Das klingt zunächst mal gut und ist es ziemlich lange auch.


Cleverer Genremix


Also, erstmal die Parallele: Superhelden verstecken ihr Heldentum im Alltag genauso panisch wie viele Leute sexuelle Vorlieben. Dann: Gerade in dieser Vorliebe steckt die besondere Kraft. Die Dialoge sind flink und gewitzt, sie stammen wie die Story aus der Feder des britischen Cartoonisten Steven Appleby. Deshalb sind auch die Superhelden schön angeschrägt: Der Believer, der alles kann – aber nur, wenn er selber dran glaubt. Oder Hindsight, der Mann der nicht die Zukunft sieht, sondern die Vergangenheit.


Die weitere Story ist klar, oder? Weil: Ab hier geht es normal weiter: Dragman muss die Welt retten und dabei seine Rolle finden im Umgang mit sich, der Welt, seinen Kräften, das übliche Superhero-Programm, aber mit unüblichen Elementen – so macht man Komödie. Ergänzt wird das durch Applebys immer wieder erstaunlich gut funktionierenden Krakelstil, was gibt es also hier zu mäkeln?


Weitergedreht oder überdreht?


Ich habe Dragman mit viel Spaß gelesen. Aber je länger ich las, desto mehr dachte ich: Wozu die Parodie? Warum stößt Dragman nicht auf ernstzunehmende Superhelden? Dadurch kriegt man einen Gegenspieler Fist, der einfach nur gemein und brutal ist – aber Dragman argumentativ komplett unterfordert. Weshalb Fist auch für die Leser mehr Witzfigur ist als Bedrohung.


Der Grund heißt vermutlich: Humoristenberuf plus Selbstironie. Appleby, 66, ist bekennender Crossdresser mit Trans-Tendenz. Das Thema beschäftigt ihn zwar so sehr, dass er dem Buch ein (eher unnötiges) Kapitel zu seinem Lebenswandel angehängt hat. Aber Appleby wagt sich nicht erst jetzt nervös ans Licht. Er gibt seit 2007 Interviews in Frauenkleidung, ohne jede Spur von Scheu und so wohltuend selbstverständlich, dass man überhaupt nicht auf die Idee kommt, seine Erscheinung für etwas anderes zu halten als: normal. Bei soviel Souveränität kann man sich selbst auch mal weniger wichtig nehmen.


Angenehmer lesbar mit weniger scharf?


Meine Befürchtung ist: „Dragman“ entschärft sich dadurch ein wenig selbst. Der Comic kommt in seinen besten Momenten viel weiter, als man es für möglich hält, doch der angenehme Ritt auf der „Guck mal, die doofen Superhelden“-Welle macht zugleich die Einsicht weniger zwingend, dass eben nicht nur dämliche Grobiane an allem schuld sind, sondern auch und vor allem die Normalen, die denen das durchgehen lassen.


Doch wer weiß: Was soll man schon von einem Kritiker halten, der meint, der eine Comic sei hübsch, aber nicht witzig genug, der andere sei sehr gut, aber sofort wieder zu witzig? Weiß der denn selber noch, was er will?



 

Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:


 

  • 29. Aug. 2017

Nach Johnny Cash und Elvis widmet sich Top-Zeichner Reinhard Kleist jetzt Nick Cave: Das Problem: nischenhafte Musik erschließt sich im Comic nur schwer


Illustration: Reinhard Kleist - Carlsen

Kennen Sie Nick Cave? Aber nicht nur vom Namen her. Können Sie Ihm ein paar Lieder zuordnen? Und finden Sie diese Lieder auch gut? Dann wird Ihnen der neue Comic von Reinhard Kleist vermutlich gefallen. Aber, so fürchte ich, nur dann. Da kann aber Herr Kleist nichts dafür, oder wenigstens nicht viel: Das ist die Schwierigkeit mit Künstlerbiographien im Allgemeinen und mit Musikerbiographien im Besonderen. Jedenfalls wenn man nicht einen der ganz Großen nimmt, Picasso, Goethe, Beatles, um mal ein paar Hausnummern zu nennen. Und da hilft es auch nur begrenzt, dass Reinhard Kleist selbst ganz zweifellos ein Guter ist.


Explosiv, einfallsreich, schön düster


Zwei Max-und-Moritz-Preise hat er schon im Regal, neben mancherlei anderem, und wenn man durch den Comic blättert, merkt man schnell: Die Preise sind da schon beim Richtigen gelandet. Kleist zeichnet schwarz-weiß, explosiv, einfallsreich, manchmal schön düster, oft sehr Will-Eisner-mäßig, wodurch seine Figuren dem Betrachter immer auch die hauchdünne Möglichkeit der Karikatur eröffnen. Aber in diesem Fall zeichnet er geradezu chancenlos gegen sein Thema an.


Nick Cave (der dieses Jahr 60 wird) ist eine Art Kultmusiker, Schriftsteller, sicher auch Wegbereiter für irgendwas, aber ich zum Beispiel kann mich nicht erinnern, jemals freiwillig was von ihm gehört zu haben. Und wenn ich was von ihm gehört habe, dann meistens, wenn er einen ohnehin schon recht grauen Film von Wim Wenders noch ein wenig düsterer machte. Wobei – das muss per se kein Hindernis sein: Milos Formans „Amadeus“ habe ich auch gemocht, obwohl ich mit Klassik wenig anfangen kann. Wo also genau liegt das Problem?


Cave-Neulingen fehlt eine entscheidende Zutat


„Amadeus“ funktioniert, weil die Geschichte vom Wettstreit zwischen dem ordentlichen Komponisten und dem chaotischen Genie auf Musik nicht angewiesen ist. Es könnten genauso gut Bildhauer sein, Tennisspieler, Bulettenbrater. Es ist möglich, dass auch Nick Cave eine solche Geschichte hergäbe, aber wenn, dann hat Reinhard Kleist sie nicht gefunden. Die Geschichte, die er erzählt, handelt von einem jungen australischen Musiker, der stets nach Extremen sucht. Und das ist leider nichts Ungewöhnliches.


Überall suchen Künstler irgendwelche Extreme, Nichtkünstler auch, eigentlich kennt doch jeder aus seiner Schulzeit mindestens einen oder zwei Typen, die auch in schwarz herumrannten und so ziemlich dasselbe Problem hatten. Interessant werden diese Schicksale aber meist erst im Nachhinein: Macht der Typ danach etwas, das mich anspricht oder verkauft er heute Heilsteine zur energetischen Aufladung von Leitungswasser? Und Reinhard Kleist tut sich deshalb so schwer, weil Caves Musik für erheblich weniger Menschen so attraktiv ist wie die von, sagen wir, Johnny Cash oder Elvis (die Kleist beide schon bearbeitet hat).


Kleist gibt alles - aber diesmal reicht es nicht


Man kann nicht sagen, dass er sich nicht richtig reinhängen würde: Kleist lässt sich eine Menge einfallen. Er arbeitet mit mehreren Zeitebenen, er liefert Bilder, die sich schön ins Gedächtnis brennen wie den verzweifelt im Zimmer sitzenden Cave, durch die Adern seiner blassen Arme fließt schwarze Tinte, und seine Hände verwachsen mit dem auf dem Boden verstreuten Manuskript.


Er verarbeitet Songtexte zu Bildern und lässt Cave durch den schier endlosen Schnee und den Regen Berlins tappen, weshalb man all das gerne ansieht, aber trotzdem nicht so recht weiß, warum man’s lesen soll. Cave ist weiter auf Sinnsuche, er hat nicht richtig Erfolg, er verhungert aber auch nicht, undsoweiter undsoweiter, immer wieder zeigt sich, dass man Cave faszinierend finden muss, um die Geschichte faszinierend zu finden. Und so richtig deutlich wird der Fehler der Konstruktion erst, wenn man im Internet nach Videos sucht.


Erst mit Youtube gelingt der Kontakt zu Cave


Musik kann man nicht zeichnen, weil der Leser sie nur dann korrekt lesen kann, wenn er sie selbst kennt. Kleist lässt etwa Caves Band „The Birthday Party“ ihre Texte in rasiermesserscharfen Spruchbändern durch die Schädel des Publikums schlitzen, ein starkes Bild, das aber nicht weiterhilft, wenn man beim Anhören kein eigenes Schlitzerlebnis vorfindet. Dafür zeigt sich, dass Nick Cave auf der Bühne und selbst noch im Videoschnipsel eine morbide, selbstbewusste, aufregend irritierende Faszination ausstrahlt, die allerdings auch ein Reinhard Kleist nicht verlustfrei ins unbewegte Bild transportieren kann.


Sicher, er gönnt Cave jede Menge extrem cooler Posen. Aber im Bild eingefroren ist eine Pose immer nur eine Pose. Erst im Video wird die Haltung sofort ersichtlich und nachvollziehbar. Dann erschließt sich auch, was der Comic nicht recht begreiflich machen kann: Warum die zunächst völlig erfolglose Untergrundkapelle plötzlich in Berlin auf beträchtliches Publikumsinteresse stößt.


Mögen Sie Cave?


Caves fertige, wütende, pathetische Stimme ist nicht ganz unwichtig, und auch sie ist etwas, was sich im Bild schlecht ausdrücken lässt. Vielleicht hätte man auf die Musik als tragendes Element verzichten sollen: Der Fan kennt’s eh, und der Nichtfan ist nur mit Text und Bild kaum zu begeistern. Man darf aber davon ausgehen, dass das Projekt für Kleist auch eine Herzenssache war, und in Herzensdingen kann man nun mal schwer diskutieren. Als Orientierungshilfe für den Comic-Käufer bleibt die Frage: Kennen Sie Nick Cave? Mögen Sie ihn?


Reinhard Kleist, Nick Cave, Carlsen, 24,99 Euro


Dieser Text erschien erstmals bei SPIEGEL Online.

Chilibilibilibilibili, bom, bom, bom: Joann Sfars Reihe „Klezmer“ kehrt zurück – die verwegene, verwirrende, verführerische Musiker-Saga mit der Extraportion Kunst


Illustration: Joann Sfar - Avant Verlag

Ich fürchte, diesmal wird es anspruchsvoll. Muss aber sein, weil: lohnt sich. Ich kenne im Comicbereich nichts Vergleichbares. Nichts, das mich so sehr unterhält, verärgert, fordert, auch fördert, ja, richtig gelesen, fördert, weil, gelernt hab ich obendrein noch was. Der einzige Vergleich, den ich habe, kommt von Nahrungsmitteln: Da gibt es sogenannte Superfoods, die sind mordsgesund und auch noch kubiklecker, wie Heidelbeeren. Wenn das stimmt, ist „Klezmer“ ein Supercomic. Gerade erschien der fünfte Band. „Klezmer“ ist von Joann Sfar. Natürlich.


Bekannte Zutaten minzfrisch aufbereitet


Der Franzose, 47, ist einer der Köpfe hinter „Donjon“, jener Fantasy-Hommage-Satire, die mit frecher Coolness aus eigentlich abgestandenen Zutaten wie Helden und Magiern einen 44-bändigen, geradezu minzfrischen Aufguss zauberte. Er hat den übersinnlichen Ermittler Professor Bell erfunden, den schüchternen Vampir Ferdinand. Mit dem Bestseller „Die Katze des Rabbiners“ lieferte der Max-und-Moritz-Preisträger zudem einen gewitzten, gut konsumierbaren Zugang zu einer guten, alten, jüdischen Welt. Im Nachhinein wirkt die „Katze“ allerdings nur wie eine Fingerübung.


„Klezmer“ beginnt mit zehn jüdischen Musikern, die um 1900 durch die Ukraine fahren, niedlich karikaturhaft gezeichnet, so gefällig, dass man schon gähnen will, als auf Seite zwei neun von ihnen erschossen werden. Der Überlebende folgt den Mördern, anderen Musikern, zu einer Hochzeit. Er lässt sie dort spielen, bis sie sich sicher fühlen – dann steigt er mit seiner Mundharmonika ein. Sfar verzichtet auf jeden Dialog, er mischt einfach unter das „chilibilibilibili“ der Kapelle, unter die heiteren Tanzbilder nach und nach ein immer bedrohlicheres „bom! Bom! BOM!“, bis die erbleichenden Musiker begreifen, wer da ungefragt mitbläst. Der unerbittliche Showdown – fällt aus: Der Überlebende spielt so gut, dass der Ortsrabbiner befiehlt, die Mördermusiker müssten künftig Mundharmonika spielen – das ist die Rache des Überlebenden. Er verlässt den Ort, verfolgt von der begeisterten Sängerin Chava. Ihr enthüllt er seinen Namen: Er ist der „Baron vom Arsch“.


Sfar mischt, was unmischbar scheint


Das ist der ganz normale Sfar, zunächst mal: Das Entsetzliche schmuggelt er lapidar neben das Skurrile und das Sinnliche, er mischt zusammen, was eigentlich unmischbar ist. Er vergrößert die Kapelle des Arschbarons nach und nach mit dem orthodoxen verklemmten Geigenvirtuosen Vincenzo, dem redenschwingenden Zigeuner Tchokola, dem 15-jährigen Talmudschüler Jaacov, der Dieb werden will und sich in Chava verliebt.


Illustration: Joann Sfar - Avant Verlag

Es wird viel gestohlen, getrickst, es wird viel philosophiert, aber nichts davon ist so ernst, dass es nicht im nächsten Moment in kompletten Blödsinn umkippen kann. Tchokola soll zwischen den Musikstücken jüdische Geschichten erzählen, kennt aber keine: Jaacov rät ihm, Märchen zu nehmen und „Prinzessin“ mit „Tochter des Rabbiners“ zu ersetzen. Für ein Happy-End solle er den Sohn des Rabbiners zum Berater des Königs machen, der dann Pogrome verbietet. Ohne zuviel zu verraten: Tchokolas Geschichten sind, hm, eigenwillig.

Aber all das, der gewagte Mix aus Pointe und Pogrom, ist normaler Sfar. Super wird es erst, wenn man an die Zeichnungen geht. Obwohl die zunächst nicht viel hermachen.


Sie wirken sogar beinahe schlampig. Ganz schnell gezeichnet, skizzenhaft. Manchmal so sparsam gestrichelt wie beim Cartoonisten Sempé, den Sfar bewundert, manchmal aber auch regelrecht krakelig. Das irritiert erst, weil man ja weiß, dass Sfar es doch auch kommerziell sauber kann, aber dann merkt man, dass hier einer Dinge nach festen Spielregeln ausprobiert.


Kleiner Service: Der Anhang zeigt das "Making of"


Zum Beispiel aquarellierte Zeichnungen. Er verrät diese Regeln selbst, im Anhang, der in jedem Band eine Mischung aus „Making of“ und Skizzenbuch ist: Aquarell ist für ihn nicht „zeichnen und dann ausmalen“, sondern „vieles in der Zeichnung weglassen und dafür mit der Farbe ergänzen“. Außerdem, so seine Regeln, soll nicht nur jedes Panel seinen eigenen Charakter haben, sondern jede Doppelseite als Komposition funktionieren. Und die normalen, naheliegenden Farben findet er langweilig.


Das klingt furchtbar verkopft und verkunstet, aber Sfar jubelt es einem gewieft unter: Über sieben Doppelseiten sehen wir etwa, wie sich Jaacov und Chava während eines Konzerts ins Badezimmer schleichen und dort die Wanne ausprobieren. Nackt im heißen Wasser überlegt der 15-Jährige, wo er hinfassen darf oder nicht, sie genießt seine Verlegenheit und Bewunderung so sehr wie das warme Wasser, beide seifen sich gegenseitig ein und drohen entdeckt zu werden, und Sfars Kunst kriegt man ganz beiläufig dazuserviert, wie beim Italiener den Parmesan. Auch deshalb vertraut man Sfar inzwischen Filme an: Weil die Produzenten wissen, dass er nicht vor lauter Kunst den Film vergisst.


Seitensprung ins Film-Business


Er drehte die eigenwillige Künstlerbiografie „Gainsbourg“, gerade erschien „The lady in the car with glasses and a gun“ als Video – was besonders gut für Sfar geeignet ist, weil er Frauen bei aller Kunst stets sagenhaft gut aussehen lässt. Besser sehen bei ihm nur Katzen aus.


Bloß manchmal wird’s ärgerlich. Wenn Rötelvorzeichnungen im Bild bleiben, oder Bleistiftspuren den Entwurf erkennen lassen, dann nervt das, wenn man wie ich mit einem sauber gezeichneten Asterix aufgewachsen ist. Aber das gehört dazu, weil sehr schnell klar ist, dass Sfar den Leser einfach in seinen Werkzeugkasten sehen lässt. Zugucken als Zusatzreiz, ein Prinzip, das gerade Männern vertraut ist: Dieser Comic ist eine Baustelle, auch in Band fünf.


Cleverer Streit über die Schuld


Diesmal begegnen wir den Musikern beim Baden im Meer, der Arschbaron dirigiert einen Zug voller Juden durch den Wilden Osten und Sympathieträger Tchokola begeht einen völlig unentschuldbaren Mord. Es gibt viel Sex, Doppelseiten in Bleistift, zarten Blau- und Rottönen, kubistischen Formen und im Anhang diesmal ein Plädoyer dafür, die Schuldgefühle gegenüber den Juden fallenzulassen, weil diese Schuldgefühle alles noch schlimmer machen, worüber man streiten kann – und sollte. Aber unabhängig davon, ob man Sfars politischen Ansichten zustimmen mag, gilt bei „Klezmer“ fünf Bände lang: Augen auf und durch!


Joann Sfar, Klezmer 5, „Tollhaus Kischinew“, Avant-Verlag, 19,95 Euro


Dieser Text erschien erstmals bei SPIEGEL Online.

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