- 17. Apr. 2023
Mangatest durch Mangaskeptiker (I): Bei den Bestsellern aus Fernost muss man sich oft zum Lesen zwingen - findet aber auch mal mehr als großäugige Niedlichkeit
Wie heißt der Satz? Genau: Immer, wenn eine Industrie viel produziert, entsteht neben jeder Menge Schrott auch was Gutes. Wer hat's gesagt?
Ich selber. Weshalb ich trotz meines ewigen Genöles immer wieder im großen Mangahaufen wühle. Und zwar nicht in den absonderlichen Ecken, sondern bei den Topsellern der Verlage. Hier der erste, kurz gefasste Fünferpack. Die Uhr läuft ab... jetzt!
Die Abrissbirne

Diese Aschenputtel-goes-Horror-Nummer enthält so ziemlich alles was mich rasend macht. Die Prämisse geht noch am ehesten: Eine teuflische Maske landet nach Jahrhunderten als scheinbar harmloser Wandschmuck bei einem Reichen. Der Reiche nimmt einen armen Jungen auf, der daraufhin den Sohn des Reichen verdrängen und selbst Lieblingssohn werden will.
Dieser Bruderzwist ist das Zentrum der Story und entfaltet sich mit der Raffinesse einer Abrissbirne. Beispiel: Der Böse tötet den geliebten Hund des Guten, der (geliebt allein reicht nicht) dem Guten natürlich mal das Leben gerettet hat. Der Böse schleimt bei Vati, aber Vati merkt es nicht und behandelt immer den Guten ungerecht. Das Ganze wird dabei so repetitiv breitgetreten, dass man förmlich sieht, wie Hirohiko Araki einem seitenweise die Lebenszeit stiehlt. Die Serie gilt als Klassiker, und vielleicht wird sie sehr viel später noch mal gut: Aber bis dahin halte ich diese Brachialdramaturgie leider nicht aus.
Der Ungewöhnliche

Eine mystische Geschichte: Auf der Schule lernen sich zwei Mangazeichnerinnen kennen, sie haben zusammen Erfolg, trennen sich aber. Eine wird dann an ihrer Kunsthochschule ermordet. Die Überlebende geht zum Haus des Opfers und macht sich Vorwürfe: Die Tote war nämlich sehr schüchtern, und erst die Überlebende hat sie damals aus ihrem Zimmer gelockt, indem sie ihr einen Manga unter der Tür durchschob. Sie findet den Manga wieder und zerreißt ihn. Doch ein Fetzen davon rutscht wieder unter der Tür durch und warnt die Schüchterne in der Vergangenheit. Sie erhält dadurch eine zweite Chance…
Auch mal schön: Ein Manga, der sehr still, sehr geduldig erzählt. Der die Beziehung zwischen den beiden Mädchen vor allem mit Bildern illustriert, nicht mit langen Gesprächen. Und mit einer Story, die fantastisch ist, auch ein bisschen spooky, aber nicht gruselig. Eine eigene, seltene Geschmacksrichtung, sehr überraschend, eindeutig empfehlenswert.
Zurück in die 70er?

Industriezucker mit einer Prise Schmuddel: Der Klassennerd Gojo ist noch weit von seinem Ziel entfernt, die besten Puppenköpfe der Welt zu machen, aber er kann immerhin schon mal nähen. Das findet zufällig die Klassenbeauty Marin raus, die Kostüme zum Cosplay braucht, aber leider zu doof ist, zwei Tempotücher zusammenzuheften. Fortan muss der Schüchterne dauernd die Schöne ausziehen, zum Maßnehmen. Oder damit sie seine Sachen anprobieren kann. Dann sieht er sie in Unterwäsche, huiuiui! Das klingt zwar erst nach der verklemmten Heiterkeit einer Ilja-Richter-Komödie, aber dann es liest sich auch so. Vermutlich wurde es deswegen auch bereits verfilmt. Schleudert uns die erzählerische Evolution direkt zurück in die 70er?
Todernste Romanze

Industriezucker ohne Schmuddel: Die schüchterne Kira kann toll zeichnen. Aber dann sitzt in Kunst im neuen Schuljahr ausgerechnet der coole Rei neben ihr, der keinen Stift gerade halten kann. Der sie dann bewundert, tja, und dann bittet sie ihn, ihr Modell zu stehen. Ja, genau, den coolen Rei, das Engelsgesicht mit dem Dukati-Motorrad. Hach! Und dann wird es Liebe, aber bald zeigt sich, Rei hat ein dunkles Geheimnis! Das klingt vertraut, wird auch nicht wirklich gut, aber es ist auf jeden Fall erträglicher als „More than a doll“, weil der klebrige Unfug wenigstens mit einem Rest Würde durchgezogen wird, nämlich todernst.
Positive Überraschung: „Mars“ verzichtet fast völlig auf die meist misslungenen Manga-Soundwords. Das ist eigentlich eine verdammt elegante Lösung. Empfehl.
Die Schauderschleuder

Ein Mix aus Soylent Green und Öko-Dystopie. In dieser Zukunft sind die bewohnbaren Gebiete der Erde auf ein Tausendstel geschrumpft. Zwei Jungs werden entführt und landen in einer bizarren Fabrik, in der man Menschen mit süchtig machender Nährlösung mästet. Die Fetten nutzt man dann entweder zur Fleischgewinnung – oder verfüttert sie vor Ort an eine enorme Insektenlarve. Die Rettung sind zwei andere Jungs, die dort die Nahrung verweigern und mit denen ein Ausbruch gelingt. Zu viert entdecken sie: Die Mastanlage ist Teil eines gigantischen Gefängnisses…
Um Logik geht’s hier nicht. „Starving Anonymous“ bietet Splatterhorror mit SM-Elementen, bei dem in jedem Kapitel etwas noch Fürchterlicheres passiert. Zersägte Menschen, Sexknäste, fliegenübersäte Babyleichen, gehäutete Menschen… nicht auszumalen, was erst in Band 2 blüht. Interessant wird all das durch die Portionierung: Jeder Schrecken wird ausgereizt, aber nicht überdehnt. Und durch das hohe Tempo akzeptiere ich auch die Erzählweise in der mangaüblichen Holzhammerhaftigkeit. Fazit: widerlich unterhaltsam. Werde ich weiterlesen.
... wird natürlich fortgesetzt
Sie wollen Ihren Senf dazugeben? Dann hier:
- 23. März 2020
Es gibt Perlen unter den Mangas, aber man muss sie unter viel Fabrikware herauslesen. Der jährliche Selbstversuch mit Fernostcomics führt zu verborgenen Schätzen und einem Hilferuf
Also echt, das Schwerste beim Manga-Lesen ist: nicht wahnsinnig werden. Ich akzeptiere ja Manga-Schrullen, andere Kultur und so, klar. Aber manchmal ... Diese Geräuschmalerei zum Beispiel. Die macht mich richtig fertig.
Die Sache mit den Doppelungen
Sagen wir, jemand kehrt den Hof. Normale Comics zeigen das, daneben steht ein Wort fürs Kehrgeräusch, sagen wir: „ffttt, fffttt“. Im Manga steht da „kehr“. Wow. Außerdem gibt es auch Text für stille Tätigkeiten, etwa „den-besen-in-die-ecke-stell“. Und Texte für das, was das Bild ohnehin zeigt: Den Jemand freut der saubere Hof, er lächelt zufrieden, dann steht daneben „zufrieden lächel“. Nach zehn Mangabänden will man dringend mit einem Eimer schwarzer Farbe nach Japan fliegen, den Autor aufsuchen und an seine Bürowand „ICH HAB’S BEGRIFFEN!!!“ schreiben. Zwei Meter hoch, mit einem Tapezierpinsel.
Und „wütend-dreinblick“ dazu. Zur Sicherheit.
Post aus der Schmusefabrik

So, das musste raus. Ich versuche tapfer weiter, den Manga-Zauber zu enträtseln, aber meist gehe ich nur die Wände hoch. Für wie doof muss man die Leser halten, dass man ihnen alles zigmal erklärt? Stockdoof, das zeigt auch dieser Trend „Der Manga-Autor schreibt am Ende ein Briefchen“. Denn diese Briefchen sind alle gleich. „Hallo, Leser, lieb dass du da bist. Das ist mein erstes Werk, ich bin so glücklich, dass ich gedruckt werde, ich mache sicher Fehler, aber ich werde mir Mühe geben. Lies mich bitte weiter.“ Einer wie der andere, ehrlich, da fehlt nur noch: „nach Diktat verreist“. Glauben die denn, das fällt nicht auf? Oder jubeln Manga-Leser über das Immergleiche wie sonst nur die Fans von „Dinner for one“?
Ich bin jedenfalls noch nicht soweit.
Trotzdem kann Ihnen in den hier empfohlenen Mangas so was begegnen, aber nicht so extrem wie in „Relife“, einer Bodyswitch-Geschichte für Leute, die neben einem Witz gerne „lach“ stehen haben (nichtmög!). Was bleibt also übrig, wenn man den Berg Zauberhexen („Atelier of Witch Hat“, „Zelda Twilight Princess“, „Braut des Magiers“) aussortiert, die was Besonderes sind, es aber noch nicht wissen, und dann „turbulente Action mach“, und „sich heitere Verwicklungen ergeb“, so dass „sich wegschmeiß“?
Altmeisterliches von Mizuki und Tsuge

Erstmal was Altmodisches: zwei Titel von Altmeistern. Einer davon ist „Tante NonNon“ von Shigeru Mizuki. Mizuki verarbeitet seine Kindheit, und da akzeptiert der westliche Blick die karikierten Figuren viel bereitwilliger als etwa in Mizukis Hitlerbiographie aus den 70ern. Wer Mawils „Kinderland“ mag, ist hier richtig.
Themenverwandt ist der hübsche Band „Rote Blüten“ von Yoshiharu Tsuge: Ebenfalls autobiografisch geprägt, mit zahlreichen Kurzgeschichten, die Tsuge aus den Erlebnissen seiner Wandertrips in die ärmeren Gegenden Japans speist. Entstanden sind eigenwillige Miniaturen, nicht auf Pointe getrimmt, melancholisch, mitunter sogar kafkaesk verstörend.
Der Kochtrend kommt im Manga an

Im Trend liegt offenbar auch: Kochen. Eine Version fand ich haarsträubend, nämlich „Delicious in Dungeon“ von Ryoko Kui. In einer Fantasywelt beschließen vier Abenteurer aus Geldmangel, sich von Monstern zu ernähren, das ist schon der ganze Gag: Monster essen, igitt. Das wird nicht komischer als bei Kaviar zu sagen: „Iih, Fischeier“, da helfen auch die erfundenen Rezepte nicht.

Spannender ist da „Golden Kamuy“ von Satoru Noda, ein blutiger Mix aus „Was ist was?“ und der „Sendung mit der Maus“.
Erst ist’s nur eine makabre Schnitzeljagd: Ein erfolgloser Goldschürfer erfährt von einem Schatz. Den Ort des Verstecks hat ein Gangster aus dem Knast geschmuggelt, indem er Mithäftlingen Teile der Information in die Haut tätowiert hat. Die Häftlinge sind inzwischen in der Wildnis verstreut, um sie zu finden, ist der Schürfer plötzlich auf ein Mädchen angewiesen. Sie ist eine Ainu, eine japanische Ureinwohnerin, naturverbunden, gewiefte Jägerin. Ab hier ergänzen immer wieder Ainu-Informationen das Gemetzel. Was muss man in der Natur dabei haben, wie und wo fängt man Eichhörnchen (und wie isst man sie), wie baut man eine Schutzhütte, wie liest man Spuren. Nodas Bildungswunsch lässt ihn diese Infos manchmal arg hölzern einbauen, aber das verzeiht man, weil dieses Actiontainment erstklassig unterhält.
Actionreich durchgenudelt

Richtig gut gefallen hat mir vor allem ein Band, der nicht von einem Manga-Profi stammt: „Ryuko“ von Eldo Yoshimizu, einem Bildhauer. „Ryuko“ ist eine solide Yakuza-Story mit dünn bekleideten Mangamädels, aber die Action-Sequenzen sind schwindelerregend. Yoshimizu schneidet extrem schnell und wechselt seine ungewöhnlichen Perspektiven so rasch, dass der durchgeschleuderte Leser im Rausch der Sinne selber nicht mehr weiß, ob er gerade sitzt, steht oder liegt. Vergleichbares hab ich lange nicht gesehen, aber wer „Ryuko“ mit dem Rest des Angebots vergleicht, der ahnt, dass der durchschnittliche Manga-Leser wohl was anderes will.
Wenn ich nur wüsste, warum.
Dieser Text erschien erstmals bei SPIEGEL Online.