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Comicverfuehrer

Die heimlichen Bestseller (II): „Das Geheimnis der Quantenwelt“ macht die Teilchenphysik erstaunlich nachvollziehbar

Deutschland ist kein Comicland? Stimmt so nicht. Viele Comic-Schlager bleiben unterm Radar, weil sie nie durch die Decke gehen. Stattdessen druckt der Verlag nach... und nach... und nach... ein paar Jahre später ist man bei Auflage 12 und hat fünfstellig verkauft. Der Comicverführer stellt die heimlichen Bestseller vor.


Sechs Auflagen in zehn Jahren


Bei bestimmten Sachcomics bin ich skeptisch: Nämlich bei jenen, die versprechen, irgendwas Kompliziertes gut zu erklären. Nicht, dass das nicht möglich wäre, aaaber: Wenn’s so einfach geht – warum hat’s dann nicht schon jemand gemacht? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass jemand einfach noch einen weiteren Titel zum Zeitparadoxon raushaut, weil der Bedarf immer noch so groß ist? Es spricht also viel gegen „Das Geheimnis der Quantenwelt“ – mit einer Ausnahme: der Auflage. 2017 hat der Knesebeck-Verlag den Titel von Thibault Damour und Mathieu Burniat erstmals übersetzt, inzwischen haben die Münchner sechs weitere Auflagen nachgedruckt. Der Titel behauptet sich also nachhaltig am Markt. Wieso?


Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag
Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag

Der Start ist nicht so verheißungsvoll: Wir haben eine Art „Tim und Struppi“-Paarung, Bob und Rick, Helden einer fiktiven Comicserie – bis Rick bei einem Unglück stirbt. Der ausgestopfte Hundekumpel endet beim trauernden Bob auf dem Kaminsims (was mir schon besser gefällt) und treibt ihn posthum zur Quantenermittlung. Die führt durch eine Fantasywelt, bei der Bob lauter prominente Physiker trifft. Erzählerisch ist das recht konventionell, entscheidend ist jetzt: Bringen uns die Dialoge weiter?


Die Wasserwelle als Eiswürfelstrahl

Mal sehen: Von Max Planck lernen wir, dass Energie in Teilchen vorkommt. Sie fließt nicht stufenlos wie Wasser aus dem Hahn, sondern abgepackt, wie genormte Eiswürfel. Von Einstein kommt der Input, dass dies beim Licht nicht anders ist. Licht benimmt sich aber nicht nur wie ein Eiswürfelstrahl, sondern zugleich wie eine Flüssigwasserwelle.

Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag
Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag

Spannend wird’s, wenn man sich das im Labor ansieht: Wer einen Stein ins Wasser wirft, sieht, dass sich Wellen kreisförmig ausbreiten. Wer aber ein Teilchen beschießt, das von eiem Kreis von Detektoren umzingelt ist, merkt, dass nicht alle Detektoren auf die Welle reagieren, sondern immer nur einer. Und nicht mal immer derselbe, sondern immer ein anderer. Wie kann das sein?


Das Roulette der Realität

Eine Menge kluger Köpfe haben dafür eine gewitzte Erklärung gefunden: Sie sagen, dass alle Detektoren reagieren – aber wir kriegen’s immer nur von einem mit. Weil jede Veränderung dafür sorgt, dass das gesamte System anders schwingt. Es ist ein bisschen wie beim Roulette: Sie wählen unter den 36 Nummern die „15“, und es entstehen 37 (Zero nicht vergessen!) Welten. In einer davon haben Sie gewonnen, in 36 nicht.

Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag
Illustration: Mathieu Burniat/Thibault Damour - Knesebeck Verlag

Der verführerische Vorteil der Erklärung: Es gibt keinen Zufall mehr, kein Glück, kein Pech. Und Gott spielt auch nicht mehr mit. Alles, was passieren kann, passiert. Die Frage lautet nicht mehr: Wie wahrscheinlich ist ein Sechser im Lotto? Sondern: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in derjenigen Welt sind, in der Ihre Zahlen stimmen? Denn rund 14 Millionen Varianten von Ihnen gewinnen nicht.


Geduldige Zusammenfasser

Nicht immer versteht man alles, aber meistens doch recht viel. Was auch daran liegt, dass das Team aus Quantenphysiker (Damour) und Zeichner (Burniat) geduldig bleibt. Beide greifen nicht nur zuverlässig den Faden wieder auf, sondern fassen dabei öfter auch nochmal das bisher Erklärte in anderen Worten zusammen. Der Tonfall ist plaudernd, mild dozierend, ein Hauch Ironie ist dabei, ich bin sehr angenehm überrascht und hinterher kann ich Ihnen was drüber erzählen, das vielleicht sogar stimmt. Das Geheimnis eines dauerhaft erfolgreichen Buchs ist nicht zuletzt, dass die Kundschaft zufrieden ist. Das kann ich hier sehr gut nachvollziehen.



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  • vor 2 Tagen

Comic-Salon in Erlangen: Für die Jury sind dies die 25 besten Veröffentlichungen der letzten zwei Jahre

Illustration: Posy Simmonds - Reprodukt
Illustration: Posy Simmonds - Reprodukt

Ein kleiner Service: Der Erlanger Comic-Salon (4.-7. Juni) hat seine 25 Titel für den Max-und-Moritz-Preis 2026 nominiert. Und jetzt Sie vielleicht so: „Oje, 25 neue Titel! Sooo viiiel Stoff! Wie soll man das alles aufarbeiten?“ Aber easy: Wenn Sie hier mitlesen, kennen Sie 16 Titel schon. Und wenn nicht: Einfach die verlinkte Liste durchklicken! Und - ja? Was mit Posy Simmonds ist, die für ihr Lebenswerk geehrt werden soll? Keine Bange, Posy kennen Sie auch schon.


Die Nominierten:

Ahmadjan und der Wiedehopf von Maren Amini. Carlsen

Bauchlandung von Wanda Dufner. Edition Moderne

Blutsauger von André Breinbauer. Carlsen

Das Lied der Arktis von Jean-Paul Krassinsky und Bérengère Cournut (Üs. Resel Rebiersch). Schreiber & Leser

Der süßeste Bruder der Welt ... und andere Irrtümer von Elin Lindell (Üs. Katharina Erben). Klett Kinderbuch

Der verkehrte Himmel von Mikael Ross. avant-verlag

Der Weltraumpostbote. von Guillaume Perreault (Üs. Ulrich Pröfrock). Rotopol

Der Zahn von Ayşe Klinge. Kibitz

Die Frau als Mensch von Ulli Lust. Reprodukt

Die große Verdrängung von Roberto Grossi (Üs. Myriam Alfano). avant-verlag

Fleischeslust von Martin Oesch. Edition Moderne

Hackenporsche von Melanie Lüdtke. Schwarzer Turm

In den trüben Gewässern Istanbuls von Özge Samancı (Üs. Silv Bannenberg). Helvetiq

Jakob Neyder von Franz Suess. avant-verlag

Kaputt von Alison Bechdel (Üs. Katharina Erben). Reprodukt

Meine Geschichten von Mutter und Tochter von Katharina Greve. avant-verlag

Peri Meno von Rinah Lang. Carlsen

Red von Josephine Mark. Kibitz

Saloon. Das ist Familiensache von Mia Oberländer. Edition Moderne

Schweigen von Birgit Weyhe. avant-verlag

Shrimpie und ich von Moni Port und Claudia Weikert. Kibitz

Sonntag von Olivier Schrauwen (Üs. Christoph Schuler). Edition Moderne / Colorama

The Strange House von Uketsu und Kyo Ayano (Üs. Claudia Peter). Panini Manga

Unruhe von Sarah Hübner. Jaja Verlag

Zwei weibliche Halbakte von Luz (Üs. Lilian Pithan). Reprodukt



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  • 12. Apr.

Der Klassiker, der den Boom zündete: Wie „Akira“ Deutschland den Einstieg in Japans Comic-Kultur erleichterte

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

Wenn es stimmt, was der Comic-Weise Andreas C. Knigge geschrieben hat (und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln), nämlich, dass „Akira“ in den 80ern einen Manga-Boom ausgelöst hat, wirkt das zunächst kurios: Denn der Saga fehlt so ziemlich alles, was Mangas heute so gewöhnungsbedürftig macht. Zugleich ist dennoch vieles von dem drin, was am Manga so fasziniert. Zum Einsteigen wäre „Akira“ offenbar also genau richtig. Gewesen. Denn ich hab den ersten Band erst jetzt durchgelesen.


Entfernte Macken


Die Unmangigkeit (sag ich jetzt mal so) hat ihren Grund: Es wurde ein wenig nachgeholfen. Eines der Haupt-Umgewöhnungs-Hindernisse fällt so schon mal weg: Die „falsche“ Leserichtung von hinten nach vorn. Das war den Verlagen in den 80ern noch zu abschreckend, als hat man den Comic weitgehend gespiegelt, auch die deutsche Version. Bei der Bearbeitung verschwanden auch die japanischen Soundwords, es gab Westversionen – und die finden sich nur in Situationen, wo sie angebracht sind. Die (verschrobene? liebenswerte? authentische?) Manga-Macke, neben jemanden „an-der-Wand-lehn“ zu schreiben, der an einer Wand lehnt, entfällt in „Akira“ komplett.

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

Dafür gibt es reichlich Action in einer beeindruckenden Umgebung: „Akira“ spielt im gar nicht mehr fernen Jahr 2030, in einem nach dem dritten Weltkrieg wiederaufgebauten Tokio. Verstrahlt ist die Welt eher nicht, Kaneda und seine Freunde von der Berufsschule heizen auf ihren Motorrädern durch die Gegend wie sehr junge Marlon Brandos. Durch einen Unfall begegnen sie merkwürdigen Kindern mit Greisenköpfen, die zudem extreme telekinetische Fähigkeiten haben. Steckt natürlich jemand dahinter, und zwar wer?


Herrlich menschenfeindlich


Genau, die Regierung, die daraufhin beginnt, die unerwünschten Mitwisser zu jagen. Der Plot an sich ist nicht sooo besonders mitreißend, aber dafür sind es drei andere Dinge. Zuerst mal das Setting: Katsuhiro Otomo langt optisch richtig hin, seine industriellen Hi-Tech-Betonwüsten sind eine menschenfeindliche Augenweide. Leben will man da nicht, aber schmökern mag man da gern.

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

Das sehe ich ja auch immer wieder mit Freude, wenn ein Comic seine Produktionsvorteile nutzt: Wer dasselbe im Film machen will, zahlt teuer für Bauten oder Rechenleistung, im Comic entstehen Sahara oder Tokio-City mit dem gleichen Aufwand. Dazu kommen Motorräder, futuristisches Militärequipment, Waffen – all das inszeniert Otomo attraktiv und einfallsreich, die Actionsequenzen sind schnell geschnitten, das alles sieht sehr, sehr gut aus.


Geschickte Eingewöhnung


Drittens: Die soliden Dialoge. Es wird nichts dutzendfach erklärt, sondern so, dass es man’s begreift und dann ist Schluss. Ja, das ist nicht besonders genial, aber es ist zweckdienlich und nicht selbstverständlich. Häufig walzen Mangas ja Dinge unnötig bis exzessiv aus. Also eben nicht als geschickte Verzögerung, sondern sehr oft einfach nur breitgetreten und zerdehnt, als wären die Leser vermutlich alle ein bisschen doof.

Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen
Illustration: Katsuhiro Otomo - Carlsen

In „Akira“ arbeitet Otomo seine Action und seine Informationen effizient und wirkungsbewusst ab. Wenn er noch zwei Seiten Platz hat, dauert der Knall nicht zwei Seiten länger, es gibt statttdessen noch zwei Crashs dazu. Nochmal: Das ist keine geniale Lösung, aber eine die zuverlässig hinhaut. Und die nachvollziehbar macht, warum mit „Akira“ der Manga in Deutschland Einzug halten konnte: Von sowas will man mehr, und allmählich darf’s dann auch anders sein oder japanischer. Mit weniger Farbe („Akira“ erschien in Deutschland zunächst bunt) oder von rechts nach linkser, oder, oder oder …




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