- vor 35 Minuten
Die Outtakes (41): Mit 1 erfrierungsfreien Antarktis-Urlaub, 1 vorgetäuschten Schwangerschaft und 1 Abflug ohne Starterlaubnis

Oberflächennah tiefgeschürft
Mit Emmanuel Lepage ist es immer so eine Sache, und daran, dass „Mit dem Wind tanzen“ zu den Outtakes kommt, kann man ahnen, dass er wieder zuviel von dem gemacht hat, was nicht seine Stärke ist. Lepage, der einen Narren an der antarktischen Welt gefressen hat, ist grandios im Erfassen und Wiedergeben von Landschaften, von Meer und den zugehörigen Viechern. Diesmal begleitet er ein Kamerateam auf das von ihm geliebte, sehr spannend-abgeschiedene Kerguelen-Archipel. Und jedes Mal, wenn er Gegend, Mensch, Tier und Technik inszeniert, begeistert er zuverlässig. Felsen, Schiff und Vögel, Pinguinkolonien, Raketenreste an menschenleeren Felsstränden, da macht es dann auch nichts aus, wenn er anfängt, dazu eher oberflächennah tiefzuschürfen. Doch wenn er sich mit den Menschen befasst, lässt er sie labern und porträtiert sich wund. Klar: Dieser Südpol-Zirkel, den muss man schon pflegen, damit man nächstes Mal wieder dabei sein darf. Aber das so unterzubringen, dass auch der Leser was davon hat, dazu fehlen Lepage erzählerische und journalistische Mittel. Die Gegend und Stimmung bringt er einem jedoch nahe wie kein zweiter: Mindestens der halbe Band entführt grandios und erfrierungsfrei an die kälteste Region der Welt, und dafür sehe ich ihm vieles nach.
Die Leichenfleddererin

Fungirl ist zurück, sogar im Dickformat: „Fungirl Forever“ enthält 320 Seiten mit der wandelnden Katastrophenkreation von Elizabeth Pich. Doch obwohl launig tote Tiere und menschliche Leichen gefleddert werden, hebt der Band für mich nur in ein, zwei Momenten richtig ab: Etwa als wir Fungirls Drecks-Auto kennenlernen oder in der sehr schön schlecht vorgetäuschten Schwangerschaft. Was daran liegt, dass ich die Stärke von „Fungirl“ nie im Verursachen von Slapstick-Chaos sah, sondern im Alltag: Denn im Chaos sind alle gleich hilflos, aber im Alltag bringt Fungirls Perspektiv- und Rücksichtslosigkeit nur die normalen Menschen an ihre Grenzen – nämlich uns Leser. Ist aber, wie gesagt, nur meine Interpretation. Wer sich hingegen über die lustvoll-abgedrehten Tabubrüche freut, wird hier – gar keine Frage! – erstklassig beliefert. Übrigens: Der erste Band erscheint jetzt in der dritten Auflage: Das ist ja dann fast schon einer der deutschen „heimlichen Bestseller“! International hingegen kriegen Pich und „Fungirl“ bereits Ausstellungen.
Der die Fliege macht

Schnell, flott, aber auch ein bisschen dünn: Madita Schwenkes „Drifting“ hat alles, was man braucht – spart aber an einem entscheidenden Punkt. Die Studentin Annie zieht in eine Wohngemeinschaft: Blitzschnell skizziert Schwenke das WG-Gefühl, baut drei Charaktere mit ihren Eigenheiten auf, das konsumiert sich wunderbar weg. Dank leichter Manga-Optik, mit Blau aufgefrischter Schwarz-Weiß-Panels und des rätselhaften vierten Mitbewohners: Nie da, schneit nur immer kurz durchs Fenster – er kann nämlich fliegen. Da könnte man vieles machen, ich hab angesichts der Leichtigkeit auf was Gruseliges oder Verstörendes gehofft. Aber Schwenke nimmt das ständige (Weg-)Fliegen nur als Parabel für Konfliktunfähigkeit, für allerlei Ausweichstrategien. Wie man eben auch in Videowelten flieht, oder in Social Media, Drogen. Und dann…? Reden wir darüber, und alles ist halbwegs gelöst. Das geht zu einfach, ist zu durchschaubar und vor allem schade: Weil deutlich mehr drin gewesen wäre. Vielleicht ja beim nächsten Mal: Denn wiedersehen möchte ich Schwenkes leichten Stil auf jeden Fall.
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- vor 4 Tagen
Französische Spätlese: Es gibt noch mehr von Cyril Pedrosa – dem Mann, der weiß, dass auch bei „Food for thoughts“ das Auge mitisst

Ich schulde Ihnen noch was. Ich wollte ja mehr Pedrosa lesen. Hab ich auch gemacht. Hat sich auch gelohnt. Und das Ende vom Lied? Jetzt muss ich noch mehr empfehlen. Hört das denn nie auf?
Beklemmender Wohlfühl-Horror

Wie soll man das nennen? Beklemmenden Wohlfühl-Horror? Pedrosas „Drei Schatten“ sind in jedem Fall eine eigenwillige Mischung. Die Story beginnt so glücklich, dass es persiflierend wirkt und man ahnt: So geht es nicht weiter mit der kleinen Bauernfamilie inmitten der „klaren Luft“ und „dem grünen Duft des Flusses“.
Bitterkeit in XXL
Der kleine Joachim bemerkt das Unheil als erstes: Drei Reiter in der Ferne, die näher kommen, aber nichts sagen. Ratlos geht die Mutter in die Stadt, zur Ortsweisen, die ihr verrät: die Drei sind so etwas wie Boten des Todes, und ihr Ziel ist Joachim, der einzige Sohn. Ihr Rat an die Eltern: Versucht nicht, gegen die Schatten zu kämpfen. Genießt die verbleibende Zeit. Geht’s bitterer?

Andererseits garniert Pedrosa die Erzählung immer wieder mit ungewöhnlichem Humor. Seine Zeichnungen haben zwar oft einen murnauhaften Nosferatu-Touch, überzeichnen jedoch gern, mal die Figuren, mal die Szene, mit einer grotesken, fast verzweifelten Fröhlichkeit, die zunächst oft garnicht passt, dann aber wiederum garnicht – so schlecht. Denn die Verzweiflung ist Bestandteil der Story.
Überraschender Dreh ins Tröstliche
Natürlich packt der Vater sofort den Sohn und flieht mit ihm so weit die Füße tragen. Durch den Wald. Über den Fluss, der so breit ist, dass die Überquerung drei Tage dauert. Und immer die drei Schatten im Nacken. Das Segelschiff, das voller Flüchtlinge ist, liegt schon am ersten Tag in einer Flaute fest. Man muss kein Pessimist sein um hier zu ahnen, dass es schlecht aussieht für ein Happy End. Aber es passt zu diesem wunderlichen Comic, dass er es dennoch schafft, die Kurve ins Tröstliche zu kriegen. Ich sag’s ja: Eine eigenwillige Mischung, aber definitiv gut.
Selbstfindung in Echtzeit

Kennen Sie das, Filme in Echtzeit? Also: Filmen, was da ist, und zwar so wie’s passiert? Man merkt rasch, dass Spielfilme und Bücher aus gutem Grund ihre Handlung künstlich verdichten: Die Realität kann sich arg ziehen. Und das ist das Problem mit Pedrosas „Portugal“. Tatsächlich erzählt er hier so melancholisch und geduldig, dass seine großartigen Bilder das kaum noch auffangen.
„Deine Sorgen und Bezos' Geld“
Die Story: Comiczeichner Simon hat eine Schaffenskrise, trennt sich von seiner Frau, entdeckt die Familie wieder und deren portugiesische Emigrations-Vergangenheit. Das liest und betrachtet sich so, wie man's als Kritiker gern „stimmungsvoll“ nennt. Aber die Stimmung ist halt oft getragen, nachdenklich. Was Simon in aller epischen Breite aus der Vergangenheit entdeckt, ist kaum sensationell, und seine Selbstfindungsprobleme hätten für meine Eltern zweifellos zur Kategorie „Deine Sorgen und Bezos' Geld“ gehört. Aaaaber.

Immer wieder gelingen Pedrosa großartige Szenen. Simon besucht eine Familienhochzeit, trifft dort einen Haufen Verwandte. Es gibt Gespräche in warmer Sommernacht, sanft angetrunken, und wie er diese Gerüche, Gefühle, Personen, Spannungen einfängt und in Bilder verwandelt, ist zum Niederknien schön. Stets fällt dabei der Willen zur Authentizität auf: Das echte Leben hält in solchen Momenten ja seltenst große Enthüllungen bereit. Und grad im Familienkreis wird viel öfter alter Schmarren wiedergekäut, alte Verletzungen, oft für Außenstehende lächerlich gering. Was Pedrosa in „Jäger und Sammler“ noch unauffällig zuspitzt, serviert er hier lebensecht zäh. Oder ist’s wie bei Eric Rohmer?
Ein zeichnender Rohmer?
Der war für mich stets der Inbegriff des französischen Laberfilms. Doch Rohmer hat glühende Fans, und falls Sie zu denen gehören: Greifen Sie zu, Pedrosas „Portugal“ könnte Sie glücklich machen!
Kurz und kräftig

Noch was Kurzes gibt’s von Pedrosa. Leicht konsumierbar und spannend, auch wenn’s vielleicht nicht jedem passt. Mit „Auto-Bio“ hat er eine Serie von unterhaltsamen Ein- bis Zweiseitern geschrieben, über sein Leben als Kleinstadtbewohner. Das ist launig, impulsiv und selbstironisch, aber klar wird auch: Pedrosa würde wohl eher Habeck wählen. Genau hier wird es spannend: Denn selbst wenn Sie sich irgendwo zwischen CSU und Hubert Aiwanger verorten – in Pedrosas anderen Comics kriegen Sie nicht mit, dass er politisch anders tickt als Sie. Da erzählt er für alle gleichermaßen. Und allein schon wegen dieser Gemeinsamkeit lohnt sich auch „Auto-Bio“ für alle.
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- 12. Juli
Horror aus dem Hühnerstall: Renren Galenos Graphic-Gockel „Sa Wala“ ist ziemlich sicher die Grusel-Überraschung des Jahres


So aufgeregt hab ich Häuptling Berufener Mund selten erlebt. Er sagt mehrfach „unglaublich“ und „der Hammer“, und „da haut die das einfach raus, mit 23!“ Und wenn der Häuptling, der schon manch Büffelherde hat vorüberziehen sehen, so aus dem Zeltchen ist, dann muss man das natürlich prüfen: Der Hammer heißt „Sa Wala“, stammt von der Filipina Renren Galeno – und ist tatsächlich ein sehr ungewöhnliches Stückchen Horror.
Neustart nach dem Hühnertod
Ein junger Hahn wird auf einer Hühnerfarm geboren, wächst nicht besonders gut auf und nimmt ein rasches, vielleicht sogar leckeres Ende – sollte man meinen. Aber diesmal bleibt die Küche kalt, auf rätselhafte Weise gelingt ihm die Flucht und die Hühnerfarm geht in Flammen auf. Kurze Zeit später bremst der Taxifahrer Anding mitten in der Nacht: Auf der Straße steht ein herrenloser Hahn.

So aufgeregt hab ich Häuptling Berufener Mund selten erlebt. Er sagt mehrfach „unglaublich“ und „der Hammer“, und „da haut die das einfach raus, mit 23!“ Und wenn der Häuptling, der schon manch Büffelherde hat vorüberziehen sehen, so aus dem Zeltchen ist, dann muss man das natürlich prüfen: Der Hammer heißt „Sa Wala“, stammt von der Filipina Renren Galeno – und ist tatsächlich ein sehr ungewöhnliches Stückchen Horror.
Neustart nach dem Hühnertod
Ein junger Hahn wird auf einer Hühnerfarm geboren, wächst nicht besonders gut auf und nimmt ein rasches, vielleicht sogar leckeres Ende – sollte man meinen. Aber diesmal bleibt die Küche kalt, auf rätselhafte Weise gelingt ihm die Flucht und die Hühnerfarm geht in Flammen auf. Kurze Zeit später bremst der Taxifahrer Anding mitten in der Nacht: Auf der Straße steht ein herrenloser Hahn.

Wie schon hier nachdrücklich gesehen, sind auf den Philippinen Hühner präsenter als bei uns. Daher ist es recht normal, dass Anding den Hahn mitnimmt und zuhause erst mal in einem Karton vor die Tür stellt. Aber es zeigt sich rasch, dass dieser Hahn einen sehr eigenen Kopf hat. Als sich Anding nach dem Familienfrühstück um ihn kümmern will, hat er schon das Kätzchen der jüngsten Tochter Amor zerfetzt.
Entdecke die Möglichkeiten

Gruslig ist das, auch durch Galenos Regie. Vieles zeigt sie nicht eindeutig: Wenn man mehr Umgebung sehen mag, zoomt sie stattdessen extranah ran. Oder sie zeigt statt dem Entsetzlichen lieber das Entsetzen der Beobachter. Wie der Hahn die Hühnerfarm überlebt, ist nicht klar. Er müsste ein Zombiehahn sein, aber Galeno verweigert die konkrete Einsortierung. Was ihr mehr Freiheiten für den Plot schenkt. Der Hahn wird noch Dinge tun, die man von Zombies eher nicht kennt – wer sich nicht festlegt, muss hinterher nicht mit den Experten diskutieren.
Der Herzenshahn
Amor schließt den Hahn ins Herz, und der Hahn das Mädchen. Sie trägt ihn begeistert auf dem Kopf herum, niemand sagt ihr, dass er die Katze auf dem Gewissen hat. Die Katzenreste wurden heimlich in einer Plastiktüte in den örtlichen Bach geschmissen. Dort häufen sich allmählich die Tüten, weil Anding den Hahn weiter mit Katzen versorgt. Es hat sich gezeigt, dass man mit ihm Geld verdienen kann: Bei Hahnenkämpfen ist er eine Killermaschine. Doch zuhause ist er immer schwieriger zu kontrollieren…

Hier will ich gar nicht zuviel verraten. Wenn Sie auch nur ein bisschen Spaß an Horrorfilmen haben, geben Sie dem Hahn eine Chance, entdecken Sie es selbst – im wahrsten Sinne des Wortes, weil Renren Galeno immer wieder über weite Strecken ohne Text arbeitet, da soll und muss man genau hinsehen, auf Details in den Bildern achten.
Mehr als nur Geflügel?
Häuptling Berufener Mund hat natürlich noch eine zweite Ebene gefunden, das gibt's im Horrorgenre ja öfter: „Der Hahn“, sagt er mit einem weiten Blick über die Erlanger Prärie, „der Hahn ist der Kapitalismus.“ Ich bin da weniger entschlossen, ich finde, der Hahn kann genausogut die KI sein. Aber vielleicht ist der Hahn auch einfach nur ein Hahn. Viel Spaß beim Gruseln!
