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Comicverfuehrer

vor 10 Stunden

Der Dortmunder Comic-Preis 2027 geht an Keum Suk Gendry-Kim


Illustration: Keum Suk Gendry-Kim - avant-verlag
Illustration: Keum Suk Gendry-Kim - avant-verlag

Wissen Sie eigentlich, wie toll Sie sind? Ja, genau Sie! Weil Sie nicht irgendwelche Comics und Blogs lesen. Sondern die richtigen! Nein, das ist nicht geschleimt. Würde ich nie machen. Ich doch nicht! Aber möglich wär's, stimmt. Also: Woran sehen Sie, dass dieses Lob nicht nur gehudelt ist? Grad wurde bekannt, wer den Dortmunder Comic-Preis 2027 kriegt. Nämlich Keum Suk Gendry-Kim für „Gras“. Weil „Gras“ einfach gut ist, und – ja? Sie kennen den Band schon? Weil Sie hier davon gelesen haben? Na, sag ich doch!


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Die Outtakes (43): Mit 1 Hauptstadt-Horror, 1 Horvath-Hommage und 1 fetteckigen Bubenstück


Illustration: Reinhard Kleist/Tobias O. Meißner - Carlsen
Illustration: Reinhard Kleist/Tobias O. Meißner - Carlsen

Einmal Berlin, bitte noch blutig

Weil grad die neue Vampirserie „City of Blood“ an den Start geht, bringt der Carlsen-Verlag auch den Comic raus, auf dem sie basiert: „Berlinoir“ aus dem Jahr 2003. Ein Dreiteiler, der Vampire Berlin regieren lässt, indem sie den Menschen wahlweise ewiges (Nacht-)Leben oder einen Job besorgen. Ich lese sie heute zum ersten Mal, und meine Begeisterung ist limitiert. Ich entdecke ein solides „Vampire auf Deutsch“-Produkt, das sich (wie manche „Zombies auf Deutsch“-Produkte) im Verpflanzen erschöpft – sei es in Berliner S-Bahnen, Straßen oder jenem Weimarer Setting, das zwischenzeitlich „Babylon Berlin“ so verkäuflich gemacht hat. Szenen und Farben sind attraktiv, Menschen weniger, aber Boxcomic-Ikone Reinhard Kleist war eben auch 23 Jahre jünger. Der Hauptnachteil: So lustvoll die Story Berlin, Vampire und Friedrich Murnau verquirlt, so unwichtig ist ihr das Fundament. Die Vampire kriegen im Tausch für Blutspenden „Rentenprobleme, Wohnungs- und Arbeitsmarkt“ in den Griff – aber wie? Und warum freut sich die Bevölkerung dann nicht? Müssten vampirbekämpfende Helden dann nicht in den Augen der Normalmenschen völlig verstrahlte Irre sein, die den funktionierenden Staat ruinieren? Die Antworten könnten ein cleveres Spiel eröffnen, aber Kleist und Texter Tobias O. Meißner interessieren mehr geile Stimmung und Bilder. Genau das macht es vermutlich für TV-Produzenten so attraktiv. Reinhard Kleist (Zeichnungen), Tobias O. Meissner (Text), Berlinoir, Carlsen, 30 Euro

Vorsicht, Herzenssache!


Illustration: Laura Stadtegger/Dieter Kirsch - Allitera Verlag
Illustration: Laura Stadtegger/Dieter Kirsch - Allitera Verlag

Das hier ist eindeutig die Kategorie „Zu dicht dran“. „Ödön von Horváth“ ist spürbar ein Herzensanliegen von Texter Dieter Kirsch, der sich dazu die Illustratorin Laura Stadtegger gesucht hat. Letzteres ist eine gute, eine kluge, ansehnliche Wahl, weil Stadtegger sich schön leicht, deftig und derart schlicht wie mutig durch die Szenen schmiert, dass man auf die Pointen förmlich lauert. Leider setzt Kirsch vom Leser zuviel voraus: Er zitiert, schildert und deutet an, als würde jeder die Biografie und Texte von Horváth so auswendig kennen wie er. Ich beispielsweise tu das aber nicht, leider, muss ich sagen, weil ich dann vermutlich viel Freude an dem Band hätte. So habe ich ständig das Gefühl, dass ich was verpasse – oder was nachschlagen muss. Aber neugierig auf Stadtegger bin ich jedenfalls geworden, herzlichen Dank! Dieter Kirsch (Text), Laura Stadtegger (Zeichnungen), Ödön von Horváth, Allitera Verlag, 25 Euro


Beuys will be Beuys

Illustration: Lenz Mosbacher  - avant-verlag
Illustration: Lenz Mosbacher - avant-verlag

Beuys, kennste? Fettecke? Wo man nie genau weiß: Kunst oder Quatsch? Jaaa, genau, der mit dem Hut. Ist auch schon 40 Jahre tot, und Lenz Mosbacher hat jetzt einen ziemlich cleveren Comic dazu gemacht. Der ist schon gut, aaber… sicher nicht für jeden. Weil Mosbacher mutig keine einfache Nacherzählung aller Best-ofs abliefert, sondern sich mit der Person auseinandersetzen will. Heißt: es hilft, wenn der Leser schon eine grobe Ahnung mitbringt. Wenn er weiß, dass Beuys nicht nur Fettecken machte, sondern viel Aktionskunst. Sich mit Kojoten in einen Käfig sperren lassen. Toten Hasen Bilder erklären. In guten Momenten ist Beuys originell und witzig, wie hier. Und wenn er ins Dozieren kommt, ein wendiger, aber anstrengender Kopf mit anstrengendem Sendungsbewusstsein. Das ist das Tolle an Mosbachers Comic: Man kriegt einen exzellenten Eindruck vom Typen Beuys. Aber wenn man vorher nichts über den Künstler und sein Werk weiß, ist man hinterher nicht viel schlauer. Jetzt können Sie sich’s aussuchen. Lenz Mosbacher, Beuys – Die Erfindung der Wahrheit, avant-verlag, 30 Euro



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vor 6 Tagen

,Drittes Reich – schon wieder? „Wintons Kinder“ umgeht die Wiederholungsgefahr mit neuem Erzählstoff und Countdown-Raffinesse


Eines der Phänomene rund um den zweiten Weltkrieg und Nazideutschland ist, dass es neben den Standardgeschichten (Kriegsverlauf, Holocaust, Hitlers Mitarbeiter) immer wieder möglich ist, ungewöhnlichere Stories zu entdecken und zu erzählen. Also: Nicht richtig neu, aber doch mit einem besonderen Touch. Zu diesen Stories gehört „Wintons Kinder“ von Tereza Verecká und Mikuláš Podprocký.


Das Fiasko von München


Dahinter steckt eine Art Variante von „Schindlers Liste“, aber nicht mitten im Krieg, sondern am Vorabend: Der britische Börsenmakler Nicholas Winton kommt 1938 in die zerschlagene Tschechoslowakei. Das Münchner Abkommen hat dem Land große Teile genommen, Hitler hat sich das Sudetenland gesichert, was bereits eine große Flüchtlingskrise verursacht. Aber mehr und mehr wird klar, dass der Diktator sich damit nicht zufrieden geben wird.

Illustration: Tereza Verecká/Mikuláš Podprocký - Knesebeck Verlag
Illustration: Tereza Verecká/Mikuláš Podprocký - Knesebeck Verlag

Er wird sich den Rest des Landes auch noch einverleiben, und dabei werden die Nazis sich mit Freude auf die Kinder stürzen – als Druckmittel gegen alle unliebsamen Personen. Ein Freund lotst Winton in dessen Urlaub ins Land, weil er weiß, dass der Geschäftsmann ein Organisationstalent ist. Er zeigt ihm das Elend, und wie erwartet beißt der pragmatische Optimist Winton an. Er wird sich ab sofort um das Unmögliche kümmern: Möglichst viele Kinder außer Landes zu schaffen.

Schnellballschlacht auf der Flucht


Verecká hat daraus einen spannenden Bürokratie-Thriller gedrechselt, mit Ticking Clock im Hintergrund (weil viele Leser ja wissen, dass der Einmarsch tatsächlich kommen wird). Dabei spielt sie geschickt mit der Logistik (Züge, Flüge), dem Beschaffen von Papieren (echt und falsch), der Kunst, die oft Untergetauchten rechtzeitig zum Abreisepunkt zu bringen, und natürlich gehören auch die Verhandlungen mit den Machthabern und Vorboten der Nazis dazu. Immer wieder konstruiert sie hochspannende Momente: Wie lotst man möglichst leise eine Flüchtlingskolonne an Nazipatrouillen vorbei, wenn plötzlich einige der Kinder die unerwartete Gelegenheit draußen nutzen, um eine Schneeballschlacht zu beginnen?


Illustration: Tereza Verecká/Mikuláš Podprocký - Knesebeck Verlag
Illustration: Tereza Verecká/Mikuláš Podprocký - Knesebeck Verlag

Ein wenig enttäuscht war ich zunächst vom recht zweckdienlichen Stil Mikuláš Podprockýs, aber seine Stärke sind weniger die Zeichnungen als die Layouts, das Arrangieren der Szenen, die er immer wieder fesselnd über doppelseitige Splashes führt. Dabei verdeutlichen aufreißende Erdspalten und Abgründe den unüberbrückbaren Riss zwischen den Zurückgelassenen und dem sicheren Ausland. Erneut bin ich erstaunt, wie rasch man sich einem Zeichenstil anvertraut, der zuvor noch Grund zur Skepsis war. Nicht zuletzt dank eines clever-rührenden Ein- und Ausstiegs.







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