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Comicverfuehrer

Jean-Paul Krassinskys packende Survival-Saga „Das Lied der Arktis“ schildert das Überleben unterm Gefrierpunkt: hautnah, berührend, ur-menschlich

Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser
Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser

Sowas kenne ich sonst nur von meinem Geburtstagskuchen: Diesen Comic unterbreche ich nach jedem Kapitel, weil ich nicht will, dass er zu schnell endet. Eine weibliche Heldin in einer feindlichen Urwelt voller Gefahren und schamanischer Magie. Im Kampf ums Überleben unter härtesten, vorzeitlichen Bedingungen. Kein Comic schildert das derzeit besser, schöner und schlüssiger als „Das Lied der Arktis“.


Der Riss im Eis


Die Geschichte startet rasant: Das Mädchen Uqsuralik kriegt erstmals seine Tage, die Schmerzen sind so fies, dass sie nachts den Iglu verlässt. Und just, als sie über das Blut an ihren Fingern staunt, bricht das Eis und trennt sie von ihrer Familie. Ihr Vater kann ihr grad noch ein Fell und eine Harpune zuwerfen. Ab diesem Moment, ich schwör’s, lässt der Comic Sie nicht mehr vom Haken. Die Survival-Geschichte ist dabei nur der Anfang.


Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser
Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser

Uqsuralik jagt zwar geschickt, aber zaubern kann sie trotzdem nicht. Im ewigen Eis zählt nur Fleisch, und wenn das fehlt, fressen dich die eigenen Hunde. Die aufgeweckte Uqsuralik findet rettenden Anschluss an eine andere Sippe. Doch hier wird ihr Können zum Problem: Sie jagt besser als die Männer, die daraufhin gekränkt sind. Und als heranwachsende Frau bringt sie auch die weiblichen Hierarchien in Unruhe.


Geschickter Schnitt – maximale Wirkung


Wenig davon wird ausgesprochen, stattdessen sind die Konflikte immer wieder elegant und wirkungsvoll inszeniert, und das ist zweifellos die Stärke von Zeichner Jean-Paul Krassinsky.

Das soll seine Bilder nicht abwerten, es unterstreicht vielmehr seine Effizienz: Statt seinen leicht mangahaften, schlichten Stil krampfhaft zu verfeinern, kitzelt Krassinsky durch geschickte (Aus-)Schnitte die maximale Wirkung aus den Panels.

Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser
Illustration: Jean-Paul Krassinsky/Bérengère Cournut - Schreiber & Leser

Ruhige Querformate, rasante Actionsequenzen, große Panoramen, quicklebendige Collagen für Clanfeste, Krassinskys Regie ergänzt die Romanvorlage von Bérengère Cournut behutsam und kraftvoll zugleich. Unerwartet ist, dass das Resultat vertraut wirkt. Obwohl ich doch den Roman nicht kenne.


Tine Steens Verdauungshilfen


Ill.: Krassinsky/Cournut - Schreiber & Leser
Ill.: Krassinsky/Cournut - Schreiber & Leser

Das erste Mal geschieht es, als ich von in Robbenfell eingewickelten Vögeln lese, die irgendwo vergraben werden, um dort zu vermodern. Das kenne ich doch! Von Tine Steen! Tatsächlich finden sich Steens steinzeitliche Verdauungshilfen quer durch den ganzen Band wieder. Und dann taucht immer wieder die mystisch-schamanische Zauberwelt auf, mit der sich gerade Ulli Lust in „Die Frau als Mensch“ ein zweites Mal abmüht.


Präsenter, präziser


Doch wo Lust zwischen Vermutung, Wissenschaft und Spielhandlung hindurch flipperkugelt, ist Cournuts Fiktion doppelt so entschlossen und die „Frau als Mensch“ zugleich einleuchtender, präziser und präsenter. Kein Wunder: Cournuts Erzählung spielt nicht vor 20.000 Jahren, sondern vor 200, die Realität und Traditionen der Inuit lassen und benötigen viel weniger Raum zur Spekulation. Auf 200 Seiten entfaltet Krassinsky eine mitreißende Saga, als Abenteuer genauso zu genießen wie als Parabel des Lebenskreislaufs. Umweltschützer finden darin eine untergehende Welt, Apokalyptiker die Zukunft der Menschheit. Und Comicfans eine erzählerisch vorbildlich bespielte Augenweide. Zugreifen!





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Berührende Trostlosigkeit: Craig Thompsons „Blankets“ gewährt Einblicke in die christlich-fundamentalistischen Ecken der USA

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt
Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Es ist ein ziemlicher Brocken. Was nicht heißt, dass ich „Blankets“ schlecht finde, im Gegenteil. Aber: Wer ständig unter dem „Graphic-Novel“-Begriff auf einen dicken, gediegenen, epischen, ernsthaften Comic hofft, sowas wie „Krieg und Frieden“ mit Sprechblasen, der könnte mit diesem 2003 erstmals erschienenen Klassiker richtig glücklich werden. Und ich bin davon viel überzeugter als von Craig Thompsons zuletzt erschienenen „Ginsengwurzeln“.


Bruderkrieg im Bett


Was daran liegt, dass sich in „Blankets“ Thompson zwar auch mit seiner Geschichte befasst, aber konzentrierter, schlüssiger, berührender. Und die Geschichte ist zweifellos scheußlich-gut: Thompson wächst mit seinem jüngeren Bruder im ländlichen Wisconsin auf. Seine Familie ist arm, sie lebt in einem heruntergekommenen Haus, und die Brüder müssen sich ein Bett teilen, das im Sommer brüllheiß, im Winter bitterkalt ist. In der Schule ist Craig, der weder Markenhosen noch sonstwas Schickes kennt, ständig der Außenseiter. Aber nicht nur einfach, sondern gleich doppelt.

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt
Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Denn seine Eltern sind ultrareligiös und erziehen ihre Kinder auch so. Das ist letztlich der Knackpunkt. Denn: Es gibt ja auch Geschichten von armen Kindern, die recht glücklich aufwachsen. Doch es ist diese erdrückende, allgegenwärtige Religion, die Craig in permanenter Unsicherheit hält. Die Jungs leben nicht nur in ständiger Angst Fehler zu machen, sondern Sünden zu begehen. Und das Leben hier dauert nur ein Fingerschnippen, wohingegen die Hölle EWIG lodert. Derart verkorkst wird man in der Schule zum idealen Mobbingopfer.


Hackordnung im Christencamp


Perfiderweise ist das unter Christen nicht anders: Auch in christlichen Feriencamps, lernt Craig, gibt’s statt brüderlicher Liebe stinknormale Hackordnungen, angeführt von den beliebten Kids. Und Gott hält sich fein raus. Obwohl: Craig findet ausgerechnet hier sein Erweckungserlebnis, die wunderschöne Raina. Die er dann im Winter zwei Wochen lang besuchen darf. Eigentlich ist schon das ein richtiges Wunder.

Illustration: Craig Thompson - Reprodukt
Illustration: Craig Thompson - Reprodukt

Denn nicht nur seine Eltern erlauben es. Auch Rainas Eltern, die gleichfalls Christen sind, allerdings grade in einer Scheidung begriffen. Die Ehe ist am Hund, vielleicht auch, weil sie – um Gott für ihre zwei gesunden Töchter zu danken – beschlossen, gleich zwei behinderte Kinder auf einmal zu adoptieren. Vati ist verzweifelt, Mutti schluckt Pillen – Raina ist erstaunlich belastbar geblieben und führt, durch die Betreuung ihrer Halbgeschwister gestählt, den leicht tranigen Craig ein wenig mehr in die reale Welt ein. Es wird viel geredet, auch geknutscht und sogar einmal recht ernsthaft gefummelt.


Die Unmöglichkeit, sich zu verzeihen


Wie’s weitergeht? Sag ich nicht, aber es ist dringend lesenswert. Denn der grüblerische Craig nervt einerseits so sehr wie er andererseits rührt. Und man lernt etwas mehr über diese stockkonservativen Kreise in den USA, die behaupten, die Erde sei 6000 Jahre alt, praktisch frisch gemacht vom lieben Gott. Der uns zwar das Untenrum geschenkt hat, aber nicht will, dass wir hinfassen oder hinschauen oder drüber reden. Mehr über diese allgegenwärtige Verlogenheit und Selbsttäuschung, von der man kaum mehr loskommt. Denn obwohl es Thompson schafft, sich von den Extremisten zu lösen, es bleiben Macken. Dieses permanente Niedergedrücktsein von einer unglaublichen Schuld wegen – irgendwas. Diese Unmöglichkeit, sich selbst zu verzeihen. Diese tiefe Überzeugung, nicht liebenswert zu sein, allenfalls tragbar, und auch das nur bei Erreichen der Vollkommenheit. DAS hat Gott sicher nicht gewollt. Craig Thompson, Claudia Fliege (Üs.), Blankets, Reprodukt, 39 Euro


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Erbarmungslos einfühlsam: Lika Nüssli beobachtet schmerzhaft genau den dementen Alltag ihrer Mutter


Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Schön ist was Anderes. Sagte meine Mutter oft dann, wenn schön was Anderes war. Wie zum Beispiel „Vergiss dich nicht“ von der Schweizer Zeichnerin Lika Nüssli. Schön ist definitiv was Anderes. Gut nicht. Gut ist genau das. Man muss es aber aushalten können.


Bizarre Parallelwelt


Nüssli setzt sich mit dem Abschied von ihrer Mutter auseinander, die das Ende ihres Lebens im Heim verbringt. Die Demenz hat nicht mehr viel Mutter übriggelassen. 30 Seiten widmet Nüssli der alten Dame, der Vergangenheit, dem gemeinsamen Wandern, dem Aufwachsen in der Gastwirtschaft. Dann switcht sie in die Gegenwart. Nüssli besucht ihre Mutter, sie notiert und zeichnet aus der bizarren Parallelwelt des Pflegeheims. Und das gelingt Nüssli außerordentlich gut.


Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Auch, weil sie sich erzählerisch rasch von ihrer Mutter löst. Als Einstieg sind wir noch bei ihr, erleben den fürsorglichen, nicht immer leicht erträglichen Freundlichsprech der Pflegekräfte. Aber vom Basteltisch, bei dem die Mutter ihr Gebiss in Pflanzenblätter wickelt und im Blumentopf entsorgt, schweift Nüssli ab und nimmt das ganze Heim in den Blick.


Dialoge ohne Anfang und Ende


Den Mann, dem immer kalt ist. Die Frau, die ständig von „bella italia“ redet. Dialoge ohne Anfang und Ende, bei denen Partner und Möbel seltsame Formen annehmen oder plötzlich in amorphen Strukturen verschwinden. Nicht immer ist klar, was wirklich gesagt wird oder was tatsächlich zu sehen ist. Erinnerungen sind plötzlich da, werden zu Fantasien umgebaut, verschwinden wieder. Nüssli lässt das genauso unkommentiert geschehen, mit ihren Szenen platziert sie ihr Publikum mitten in die Hilf- und Ratlosigkeit. Schön ist was anderes. Gut nicht.


Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Das Geschilderte ist oft ungenau und muss es auch bleiben, weil vieles rätselhaft bleibt. Zugleich ist Nüssli aber auch bewundernswert präzise: Wie sie etwa die absurden Gespräche belauscht, die vermehrt im heimatlichen (Schweizer) Dialekt ablaufen – oder aber in hochdeutschen, präzise eingeschliffenen und immer wieder abgespielten Formulierungen. Wie denen des Herrn Krause, der aufs Klo gebracht wird. Auf die im freundlichen Singsang vorgetragene Ermunterung „Isch schön warm hier drin, Herr Krause, gäll?“ kontert er förmlich mit „Ach, das kann ich nicht bestätigen.“


So echt, dass man heulen könnte


Allein diese Antwort lässt viele Vermutungen zu, was und wer dieser Herr Krause mal war und jetzt nur noch zum Teil ist, zum Klein-Teil. Das ist so echt, dass man heulen könnte. Nüssli zeigt aus Bruchstücken der Vergangenheiten zusammengesetzte Welten, einen Kosmos, der mit unserer Realität wenig zu tun hat und ganz eigene Prioritäten setzt. Verletzungen tauchen auf, Ungerechtigkeiten, dazwischen immer wieder eine vom Leben ermüdete Gleichgültigkeit.

Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Manchmal ist das auf eine furchtbare Art komisch und auf eine komische Art furchtbar. Erträglich? Vielleicht, vielleicht nicht, ertragen wird es jedenfalls, nicht zuletzt von der zeichnenden Zeugin Lika Nüssli selbst. Trost findet man hier nicht, auch keine Hilfe, als Ratgeber taugt der Comic nicht – wie soll er auch? Wer in Nüsslis Alter ist, wer die erbarmungslose Situation kennt, der weiß, dass man das als Angehöriger nur aushalten kann, aushalten muss.


Furchtbar komisch – komisch furchtbar


Hier liegt auch der Unterschied zum ähnlich exzellenten „Sommer ihres Lebens“ von Barbara Yelin und Thomas von Steinaecker. Die beiden spiegelten das Ab-Leben einer Frau im Heim mit ihrem aktiven Leben zuvor. Lika Nüssli verlegt nun den Schwerpunkt aufs banal-aberwitzige Jetzt. Interessante Folge: Bei Nüssli identifizieren wir uns nicht mit der Hauptfigur, sondern mit den Menschen, die all das ohne professionellen Abstand beobachten (müssen) – die Angehörigen.


Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne
Illustration: Lika Nüssli - Edition Moderne

Ob Angehörige einen solchen Comic gern lesen? Mit Genuss? Wer überhaupt liest sowas gern oder mit Genuss? Aber das ist vermutlich die falsche Herangehensweise. Hier setzt man sich einer Situation aus, und das einfühlsamer als in jedem Fachbuch. Und wer die Situation kennt und selbst oft genug sieht, für den ist geteiltes Leid vielleicht ein bisschen weniger Leid. Schön ist was anderes, würde meine Mutter jetzt sagen.

Also nicht schön.

Aber gut.






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