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Comicverfuehrer

  • vor 17 Minuten

Lernen, ohne dass man's merkt: Wie Lewis Trondheims Spionage-Komödie „Green Witch Village“ uns den US-Zeitungscomic unterjubelt

Hoppla, das mag ich: Wenn man was so genießt, dass man gar nicht mitbekommt, wie man insgeheim was lernt. Ich gebe zu, nichts Weltbewegendes wie eine Fremdsprache oder höhere Mathematik, aber ein bisschen Kulturgeschichte. Und, wie gesagt: Sie spüren's ja eh kaum, weil der Comic so unterhaltsam ist. Er heißt „Green Witch Village“, und dahinter stecken Zeichner Franck Biancarelli und die Szenario-Schleuder Lewis Trondheim.


2026 war gestern

Das Wichtigste bei sowas ist natürlich nicht was man lernt, sondern: Dass es vom Start weg funktioniert. Trondheim braucht eine halbe Seite, dann sind wir drin: Die junge Tabatha Sands erwacht 1959 in ihrer New Yorker WG aus einer Ohnmacht. Was deshalb problematisch ist, weil sie vor ihrer Ohnmacht anders hieß, anders aussah und im Jahr 2026 lebte.


Illustration: Franck Biancarelli/Lewis Trondheim - Schreiber & Leser
Illustration: Franck Biancarelli/Lewis Trondheim - Schreiber & Leser

Eine klassische Geschichte aus dem Bodyswitch-Genre also, die in den Händen des Vollprofis Trondheim sofort anzieht, weil die Hauptfigur natürlich gar keine Zeit hat, das Rätsel zu lösen – sie muss sich ja in der neuen alten Welt zurechtfinden. Schön für uns, sogar doppelt.


Stadtansichten zum Versinken


Denn optisch kann sich der Zeichner hier im New York der End-50er austoben, mit Klamotten, Autos, Stadtansichten zum Versinken. Und auch die Einstellungen der 50er zu Frauen, Schwarzen, dem Leben allgemein lassen sich szenaristisch prima nutzen. Zumal Tabathas Freundinnen Schauspielerinnen werden wollen, also haben wir das Kinogeschäft, schmierige Film-Agenten, ungehemmte Debatten über die ideale Busengröße, lauter Sachen, die heute gar nicht mehr gehen.


Illustration: Franck Biancarelli/Lewis Trondheim - Schreiber & Leser
Illustration: Franck Biancarelli/Lewis Trondheim - Schreiber & Leser

Bzw. Sachen, zu denen man extra gehen muss, wie das Telefon, das es nur mit Kabel gibt. Weil das alles aber noch etwas zu wenig ist, rührt Trondheim noch einen Spionage-Plot mit Atombomben-Brisanz dazu, denn wir sind ja im Kalten Krieg. Aber keine Angst, kompliziert wird’s nicht.


Freche Klappe statt Frauenrechte


Tabatha ist eine Trondheim-Frau. Ihr fehlt das Großspurige seiner Männer, dafür hat sie Underdog-Mumm und eine freche Klappe. Sie lässt sich nichts bieten, und wenn ihr die Frauenrechte noch nicht helfen, lässt sie sich eben selbst was einfallen. Was auch erklärt, warum sie das Ganze immer nur halbernst zu nehmen scheint: Eigentlich, denkt sie, kann nichts passieren, weil sie ja irgendwie 2026 noch leben muss. Und dieser ganz leichte Unernst stützt das komplette Abenteuer. Aaaaber… was haben wir denn jetzt gelernt?


Illustration: Franck Biancarelli/Lewis Trondheim - Schreiber & Leser
Illustration: Franck Biancarelli/Lewis Trondheim - Schreiber & Leser

Als Comic-Routinier ahnt man es vielleicht etwas rascher. Tabatha sieht ein bisschen aus wie Audrey Hepburn und die Comic-Ganovin Modesty Blaise. Und wie bei der schwarz-weißen Modesty ist die Großstadt, sind die 60er allgegenwärtig, nur eben diesmal in Farbe. Die Panels sind geradezu berechenbar schematisch, als hätte man nur einen bestimmten Platz zur Verfügung, das alles kennt man doch von… na?

Geheime Spielregeln


Genau: Trondheim/Biancarelli liefern hier eine Hommage an den US-Zeitungscomic der 50er, 60er. Die täglichen Fortsetzungen reichten für eine Zeile mit drei gleich großen Panels, am Wochenende stand eine halbe Seite zur Verfügung. Man musste den Faden aufnehmen, die Handlung weiterführen und einen Cliffhanger liefern, damit die Kundschaft morgen weiterlesen wollte. Diese Spielregeln führen uns die beiden ganz nebenbei vor.

Jaaa, ich sag ja: Sie lernen keine Fremdsprache, keine höhere Mathematik. Aber nach dem Lesen wissen Sie’s. Und wenn’s Ihnen wurscht ist, sah’s trotzdem gut aus, war spannend und ziemlich witzig. Kann man mehr verlangen?





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Nazis light, wäre das so furchtbar? Drei Comics zeigen die NS-Welt vor dem Holocaust. Schauen Sie doch mal, ob Sie Lust drauf haben

Illustration: Filip Raif - Helvetiq
Illustration: Filip Raif - Helvetiq

Gründe für ein AfD-Verbot gibt’s genug, aber nötig ist es nur, weil deren Wähler hartnäckig die Folgen ihrer Wahl kleinreden: Wer sagt denn, dass alle Nazis immer nur Konzentrationslager bauen? Also gut, schauen wir in die Zeit vorher. Als die Nazis noch nicht alles ermordeten, sondern den Irrsinn erst in die Wege leiteten. Drei Comics zeigen einen Einblick in jene Epoche, die derzeit scheinbar eine Menge Menschen wieder für akzeptabel halten. Als alles noch nicht „zum Schlimmsten“ gekommen war. Weshalb in allen drei Bänden kein Konzentrationslager vorkommt. Und wenn ich die Rechtswähler richtig verstehe, ist dann ja alles irgendwie akzeptabel, nicht wahr?

Migrationspolitik 1938

Illustration: Sara Dellabella/Alessio Lo Manto - Knesebeck Verlag
Illustration: Sara Dellabella/Alessio Lo Manto - Knesebeck Verlag

„Die Irrfahrt der St. Louis“ ist eine historische Episode am Vorabend des Holocaust: Knapp 1000 jüdische Flüchtlinge wollten 1938 legal aus Nazideutschland nach Kuba entkommen. Eine bittere Geschichte, die gerade heute eine Menge Querverweise zulässt: Denn es blüht ja nicht nur der Antisemitismus wieder auf, sondern auch die Bereitschaft, Flüchtlinge und Migranten ab-, weg- und weiterzuschieben, ungeachtet aller Verdienste und Gefahren. Damals wurden die Juden vorher noch staatlich ausgeplündert, wollen wir wetten, dass die Remigrations-Experten von heute auch schon mal nachrechnen, was da zu holen ist? Und auch die heutige Aufnahmebereitschaft des Auslands ist der damaligen vergleichbar. Weshalb fast alle Passagiere der St. Louis nach Wochen auf See wieder im belgischen Antwerpen landeten – Kuba, die USA und Kanada verweigerten die Anlandung. 250 Passagiere starben letztlich in deutschen Händen. Schade nur, dass der Band von Sara Dellabella und Alessio Lo Manto nicht recht abhebt. Am etwas kindgerechten Stil liegt das weniger, mehr schon daran, dass Lo Mantos Schiff gern immer mal anders aussieht. Oder daran, dass Dellabellas Szenario eher chronologisch abarbeitet als dramaturgisch aufbereitet. Oder am arg platt eingebauten Bordnazi. Das ist solides Doku-Fernsehspiel-Niveau, nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.  



Anne Frank on the road

Illustration: Joseph Joffo/Kris/Vincent Bailly - Graphic Universe
Illustration: Joseph Joffo/Kris/Vincent Bailly - Graphic Universe

Band zwei kommt aus dem Subgenre „Überleben im Untergrund“. 2011 erschienen die Erinnerungen von Joseph Joffo, der sich als jüdisches Kind im besetzten Frankreich abenteuerlichst durchschlug. Sozusagen Anne Frank on the road. Das Ergebnis sind 126 bitter-spannende, hervorragend von Vincent Bailly illustrierte Seiten, die wieder mal zeigen, wie flexibel, einfallsreich, reaktionsschnell man sein muss, um nicht umgebracht (Nazis), in Minneapolis erschossen (Trump) oder den Taliban ausgeliefert (Merz) zu werden. Ob man diese Fähigkeiten (Vorschriften befolgen gehört übrigens explizit nicht dazu!) selbst hätte? Ich wohl eher nicht. Leider erschien das Buch nie in Deutschland als Comic – ich nehme mal an, es war den Verlagen nicht graphicnoveldick genug. Es gibt den Band aber auf französisch, italienisch und (in meinem Fall) auch englisch.


Die ganz normalen Kriegswirren

Illustration: Filip Raif - Helvetiq
Illustration: Filip Raif - Helvetiq

Der tschechische Comic „Sudetenlove“ ist fiktiv, lässt sich aber von wahren Gegebenheiten inspirieren. Im Zentrum steht die Liebe von Hedwig und Fritz, die sich 1937 beim Skifahren kennenlernen. Fritz ist halb Tscheche, Hedwig eine sudetendeutsche Tschechin. Doch die NS-Begehrlichkeiten zeichnen sich bereits jenseits der Grenze ab. Juden überlegen, ob man das Land verlassen sollte, und Hedwigs Eltern schicken ihre Tochter angesichts der unruhigen Zeiten nach Belgien. Weshalb der verliebte Fritz per Fahrrad quer durch Deutschland fährt, um sie zu besuchen. An der belgischen Grenze finden ihn die Deutschen zu tschechisch und verhaften ihn als Spion. Bis ihnen die Soldaten ausgehen. Da ist Fritz plötzlich deutsch genug: Er wird als Soldat an die Ostfront entlassen. Fritz desertiert und schlägt sich mühsam nach Hause durch, wo man nach Kriegsende die Deutschen enteignet. Hedwig flieht mit ihrer Familie nach Bayern. Fritz, der jetzt den Tschechen zu deutsch ist, bleibt... Der Grafiker Filip Raif hat die Geschichte ansprechend, aber nicht anbiedernd umgesetzt. Die Fiktion nimmt ihr die Superschwere: Wem sie nicht tödlich genug ist, der kann sie auch als „Kriegswirren“ wegdrücken. Aber das bedeutet exakt: So sieht's aus, wenn es „nicht zum Schlimmsten kommt“. Was also von dieser minder schweren, komplett unnötigen Scheiße will man haben? Was davon ist besser als im Deutschland von 1932? Oder von heute?



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Die Outtakes (37): Mit 1 autobiografischen Nahtoderfahrung, 1 dämonischen Ziege und 1 gefrühstückten Prediger

Illustration: Frenk Meeuwsen - avant-verlag
Illustration: Frenk Meeuwsen - avant-verlag

Der Tod sieht hübsch aus. Also: Der Nahtod in Frenk Meeuwsens „Rufus“. Ein nicht mehr ganz junger Vater, mehr 50 als 40, lebt mit seinem niedlichen Sohn und seiner Frau und kriegt einen Herzinfarkt. Das war’s im Prinzip schon. Meeuwsen arbeitet autobiographisch, „Rufus“ ist praktisch das Sequel zur Vaterschaft vor vier Jahren. Gut ist er immer dann, wenn ihm berührende oder absurde Momente gelingen: Die pragmatische Herangehensweise seines Sohnes an die Sterblichkeit etwa, oder die abgedrehten Welten, in die Koma und Narkose seine Realität umformen. Aber dennoch ist die Story recht erwartbar: Vati wird krank, kommt in die Klinik und wieder heraus – da fehlt noch was, nicht wahr? Oder geht das nur mir so? In Heiner Lünstedts kaffeelosem Comic-Café hab ich gelernt, dass Meeuwsen das Narkose-Erlebnis offenbar sehr überzeugend wiedergibt. Das mag sein, aber dann kann ich's (noch) nicht beurteilen.


Geil und verhext

Illustration: Sole Otero - Reprodukt
Illustration: Sole Otero - Reprodukt

Dass man bei Sole Oteros Graphic Novels ein bisschen zum Reinkommen braucht, hab ich schon bei „Napthalin“ gemerkt, und auch, dass man einige ihrer klobigen Figuren leicht verwechselt. Aber aus „Napthalin“ habe ich mehr mitgenommen als aus dem neuen Band „Hexenkunst“, obwohl der eigentlich geiler ist, wortwörtlich. Die Argentinierin Otero erzählt aus verschiedenen Zeitebenen und Blickwinkeln die Geschichte eines Hexentrios, das Frauen medizinisch-magisch hilft und Männer zum Erhalt der eigenen Kräfte (und einer dämonischen Ziege) benutzt. Das ist mal gruselig, mal deftig-skurril, mal bedrohlich, also lauter prima Geschmacksrichtungen, die aber leider kein Ganzes ergeben, weil man beim Lesen zu beschäftigt ist: mit dem Sortieren der Infos. Wenn ein Spanner seinem Kumpel von den merkwürdigen Orgien erzählt, die er da im Hexenhaus beobachtet, geht das noch. Aber wenn in einer Episode eine junge Internet-Einsiedlerin, die seit Jahren nicht mehr vor die Tür geht, via E-Mail vom Tierarzt ihrer Katze angebaggert wird, ungeschickt, weil der Tierarzt eine komplizierte Familie hat, nämlich eben die drei Hexen – sehen Sie, das dauert lang, bis man schnallt, dass es gar nicht um die Verhuschte geht, sondern um den Doc, und das bremst ziemlich aus. Andererseits: Wenn’s denn mal klappt, klappt es recht gut.



Der Standard der 50er

KAPITALISTENSPORT             Illustration: T. Piketty/S. Vassants/S. Desbergs - C. H. Beck
KAPITALISTENSPORT Illustration: T. Piketty/S. Vassants/S. Desbergs - C. H. Beck

Ein Comic kann Komplexes veranschaulichen. Warum Reiche reich sind und Arme arm, beispielsweise. Er kann aber auch Vorträge halten wie jemand, der keinen Clown gefrühstückt hat, sondern einen Prediger. Was exakt das Problem der Comic-Version von „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ ist. Erschwerend hinzu kommt linke Betriebsblindheit: Wer vom eigenen Rechthaben so überzeugt ist, dass alles von selbst einleuchtet, vermittelt nicht mehr und liefert statt Karikaturen ärgerliche Klischees. Im Wortsinne, weil hier die Reichen und Industriellen wieder mal feist sind und sogar beim Squash-Spielen noch T-Shirts mit Zylindern drauf tragen. Da ist’s nicht mehr weit bis zu Melone und Zigarre, den kapitalistischen Standard-Attributen der 50er. Selbst wenn die Analysen zutreffen: sie kommen als mäßig spaßiges Info-Cartoon-Konvolut daher, das als Sachtext möglicherweise griffiger wäre. Dazu müsste man aber das Buch von Thomas Piketty kennen.



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