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Comicverfuehrer

  • vor 18 Stunden

Im Himmel wartet die Cloud: Der kluge Debattencomic „Die Summe seiner Teile“ macht Verstorbene verfügbar



Dies ist eine kleine Rarität, und deshalb muss sie hier rein – obwohl sie auch Schwächen hat: „Die Summe seiner Teile“ ist ein deutscher Comic, der richtig hinlangt. Was ich meine? Naja, deutsche Comics sind gern vorsichtig, abwägend, behutsam. Entschlossen sind sie meist nur, wenn sie sich auf der richtigen, der „guten“ Seite fühlen. Aber das ist bei diesem Thema noch nicht möglich: das künstliche Leben nach dem Tod. Trotzdem gehen Julia Zejn und Matthias Lehmann richtig in die vollen. Sehr schön!


Der ganz persönliche Upload


Wir sind ein bisschen in der Zukunft. Joshua wird sterben. Aber es besteht die Möglichkeit zur Teilnahme an einem Pilotprojekt: Empfinden und Denken würden in einen Computer hochgeladen. Und stünden dann seiner Freundin Mara zur Verfügung. Joshua sagt ja. Mara auch. Los geht’s, fast schon halsbrecherisch.


Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt
Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt

Denn die Zeit ist reif. Die Sehnsucht, geliebte Sterbende zu behalten, ist ein superstarkes Motiv, das weiß jeder, der in der Situation war. Es wird aber nicht so oft genutzt, wenn man von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ absieht. Plus: Heute braucht’s keine Magie mehr. Menschen halten Beziehungen zur KI für möglich, manche führen sie bereits. Zejn/Lehmann halten sich also nicht lange mit dem „wie“ auf. Sie spielen drauflos. Vieles ist gut gemacht.


Am Toten wird noch gerechnet


Zum Beispiel die Lustangst. Es dauert ein bisschen, bis der digitale Joshua fertiggerechnet ist. Bis man ihn auf den Laptop geladen hat. Mara wartet erst ungeduldig, hat dann Angst ob es klappt und wie es klappt. Dann kriegt sie Joshua am Bildschirm. Die KI rechnet dort seine Bewegungen hoch, das ist schon mal verlockend. Und gut gemacht ist, was Zajn/Lehmann alles NICHT erklären.

Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt
Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt

Denn selbst in den gelungensten Momenten ist Joshua keine eigenständige Person mehr, sondern jemand, der immer da ist, wenn man ihn einschaltet. Der vieles Nervtötende echter Menschen gar nicht tun kann, wie die Spülmaschine falsch einzuräumen. Zejn/Lehmann wollen auch real bleiben, also kriegt Joshua kein Horror-Eigenleben. Es bleibt schwer zu sagen, was er tut, wenn Mara ihn nicht anknipst – stattdessen bleibt der Comic bei dem, was wir wissen: Wie verhält sich Mara?


Gute Fragen statt halbgarer Lösungen


Über manche Lösungen kann man streiten: Wäre es besser gewesen, auch noch einen Körper hinzuzufügen? Warum fragt Mara Joshua so wenig nach dem, was er „macht“? Warum fragt Joshua Mara so wenig nach dem, was sie denkt, während sie mit dem Bildschirm/Kopfhörer redet? Aber genau darum geht’s doch: Frag dich selbst. Was würdest du anders machen, was besser, was genauso?

Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt
Illustration: Julia Zejn/Matthias Lehmann - Reprodukt

Die rund 120 Seiten sind dafür eine richtige Länge. Es reicht, um die Frage ernsthaft aufzuwerfen und dann an den Leserkopf zu übergeben. Lehmanns kräftige Zeichnungen, halb Reinhard Kleist, halb Bastien Vivès, lassen viel Platz für Interpretation und Gefühl, weil sie zugleich auch nicht zugetextet sind. Noch so eine weise Entscheidung: keine endlosen Debatten, stattdessen präsentiert der Comic die Motive, die zu dieser Situation führen.

Mitreden, bevor die Musks entscheiden

Aber was ist jetzt richtig? Wo ist jetzt die Gebrauchsanweisung?

Genau das ist der Punkt: Wir müssen sie selbst entwickeln. Und wenn wir es nicht tun, kriegen wir das angeboten, was bizarre Figuren wie Elon Musk oder Peter Thiel für die beste Lösung halten. Die wird dann definitiv eines nicht sein: gut.





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Schön doof und brandgefährlich: In „Der Traum ist aus, Charly P.“ gelingt Lisa Neun eine bitterkomische Abrechnung mit den 80ern

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Zugegeben: Dass Lisa Neun ihr Grapic-Novel-Debüt in NürnbergFürthErlangen ansiedelt, meiner alten Heimat, das war ein Köder, an dem ich nicht vorbei konnte. Aber Köder sind okay, wenn sie dir kein schlechtes Produkt andrehen. Und „Der Traum ist aus, Charly P.“ ist auf den ersten Blick gut. Und auf den zweiten noch besser. Obwohl oder weil der Band so schlicht daherkommt.


Der unpolitische Politaktivist


Der Anti-Held ist Charly P., wir begegnen ihm in den 80ern, er ist so Mitte 20, Bierbauch, blonde Haarmatte, Schnurrbart. Charly würde sich als links bezeichnen, aber eigentlich heißt das nur, dass er in linken Kneipen sein Bier trinkt, linke Sprüche klopft und gerne kifft. Der Kleindealer interessiert sich nicht für Politik, nicht für seine Frau, nicht für sein Kind.

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Solidarisch ist Charly nur mit sich selbst, und als es darum geht, Geld für andere Linke vor Gericht aufzutreiben, organisiert Charly nur deshalb dafür eine Riesenladung Haschisch aus Rom, weil er ein Fünftel davon in die eigene Tasche stecken will. Man kann sagen: Charly ist ein Arschloch. Was schon unterhaltsam ist, aber weil Lisa Neun weiß, dass unterhaltsamer noch besser ist, ist Charly auch ein Idiot.


Dumm stellen ist dumm gelaufen


Als der Schmuggel auffliegt, will Charly das Verhör überstehen, indem er sich dumm stellt, ist aber tatsächlich blöd genug, sich dabei mehrfach zu widersprechen. Charly wird umgedreht, er soll künftig als V-Mann in der Szene arbeiten. Da sind wir etwa auf Seite 60, und Lisa Neun hat schon eine Menge wundervoller Dinge wundervoll serviert.

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Erstens gibt es in dem ganzen Comic keinen einzigen sympathischen Menschen. Charlys Elke ist ein gutartiges Kamel, das zwar jammert, aber ansonsten Charly hinterherwischt und in jeder Minute die Frauenbewegung um Jahre zurückwirft. Charlys Kumpel Dieter ist zwar Idealist, bewundert aber vor allem Charly, weil der so breitbeinig daherkommt und die tolle Elke abgekriegt hat.


Statt Gameboyspielen: Bomben basteln


Zweitens entlarven sich all diese Knallkörper fortwährend selbst: Weil Lisa Neun ihnen schön dusselige Dialoge hindichtet: Wie Charly etwa seinem Sohn den verblödenden Gameboy wegnimmt, um ihm stattdessen zu zeigen, wie man Bomben bastelt. Drittens: Weil Lisa Neun die Handlung elegant zuspitzt.

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Um als Spitzel nicht zu enttäuschen, muss sich Charly irgendwie für gewaltbereite Kreise empfehlen. Der Plan dazu ist wie üblich idiotisch, aber die Bombe ist echt, und Lisa Neun holt aus ihr genug bedrohlichen Ernst, um ins Bittere abzukippen, sobald die Komödie ausgereizt ist. Eine Abrechnung mit den 80ern – oder ist da mehr?


Die Bilanz ist bitter, aber nicht unversöhnlich


Wer will, kann’s bei der Story belassen. Aber da ist mehr. Da ist natürlich unverkennbar auch Nostalgie, wenn Lisa Neun die beschmierten Häuser und Kneipen zeichnet, ich sehe altes Erlangen, ich sehe altes Gostenhof, da kann auch Fürther Südstadt drin sein, da schwingt eindeutig auch Zuneigung mit, die diese Abrechnung vor der Unversöhnlichkeit bewahrt. Aber da ist noch etwas, und wer so 50, 60 Jahre alt ist, kann es unmöglich übersehen.

Illustration: Lisa Neun - avant-verlag
Illustration: Lisa Neun - avant-verlag

Es sind die Polit-Formeln und ihre Selbstverständlichkeit. Charly benutzt sie, Elke benutzt sie, Dieter trägt sie vor sich her, aber im Alltag bedeuten sie ihnen nichts. Charly sind heute alle zu woke, wenn er sich über den Veganismus seiner Tochter ärgert, wiegelt Elke den Konflikt brav ab. Preisfrage: War das damals genauso, bei den Charlys, Elkes und Dieters der 68er? Wird in 40 Jahren die Korrektheitsgemeinde von heute ihren Ansprüchen gerecht geworden sein? Und was davon wird dann Phrase sein? Heute wissen wir’s noch nicht, aber die Lisa Neuns von 2066, die werden’s boshaft genau aufschreiben.




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Die Outtakes (40): Mit vielen schönen Autos, 1 mysteriösen Absturz und 1 pupsenden Hofnarren

Illustration: Matz/Philippe Xavier - Splitter Verlag
Illustration: Matz/Philippe Xavier - Splitter Verlag

Fuzzys Comeback


Vielleicht war’s die Sehnsucht nach gutem alten Radau? Vielleicht der schnittige klassische Plymouth Fury auf dem attraktiven Cover? „Der Schatz der Geisterstadt“ verführt jedenfalls zum Reingucken, stellt aber erzählerisch nur mäßig zufrieden. Obwohl sich Szenarist Matz diesmal textlich mehr zurückhält als im Vorgänger „Die Schlange und der Kojote“ – was die Geschichte stellenweise eleganter wirken lässt als sie ist. Klug ist es auch, die Stärken von Zeichner Philippe Xavier auszuspielen: Dialoge, Action sind nicht so sein Ding, aber Landschaften, schöne Seitenaufteilungen und Autos – da blüht er auf. Und so liest man sich halb hingezogen durch die Gangsterballade. Ob’s was für Sie ist? Ich mach’s mal an der (überholten/nostalgischen) Figur des spinnerten Alten fest, die hier fröhliche Urständ feiert: Wenn Sie sowas nicht stört, wenn's gar den Spaß erhöht, wenn Sie mit Freuden Sam Hawkens oder Fuzzy Jones auf der Leinwand verfolgen, greifen Sie zu.



Der Crash von Flug 111

Illustration: Talel Aronowicz - Helvetiq
Illustration: Talel Aronowicz - Helvetiq

Familiäres Verhalten kann rätselhaft sein, spannend, Schweigen ist dabei oft besonders geheimnisvoll. Verpflichtend ist das allerdings nicht: In „Flug 111“ erörtert Talel Aronowicz das Verhalten ihrer Familie nach dem Tod ihrer Großeltern bei einem tragischen Swissair-Absturz 1998. Aber ehrlicherweise muss man sagen: Es gibt Mitreißenderes. Woran’s liegt? Vor allem daran, dass Aronowicz die Folgen entweder nicht klar ausarbeitet oder, weit wahrscheinlicher, diese eher unscheinbar sind. Das Thema „Schweigen“ wurde bisher meist beim Holocaust, bei Misshandlungen oder Familiendramen thematisiert, hier haben wir einen Unfall, für den niemand was kann. Ja, keiner redet groß drüber, aber es gibt auch nicht viel zu enthüllen. Weshalb anschließend auch keine besondere Katharsis zu beobachten ist. Klar: Jeder soll und darf trauern, wie er will. Die Gesetze des Buchmarkts hebelt das aber nicht aus.


Fassungslos belustigt

Illustration: Ville Ranta - Reprodukt
Illustration: Ville Ranta - Reprodukt

Wo soll man diesen Ville Ranta einsortieren? „Wie ich Frankreich erobert habe“ war eine schöne, zielstrebige Frechheit, so einfach macht es einem „Wie der König den Kopf verlor“ nicht. Ranta erzählt ein modernes Märchen von einem König in einem maroden Schloss, er hängt Episode an Episode, alle führen nirgendwo so recht hin. Aber gleichzeitig vermitteln seine sfarhaft hingeschluderten munteren Zeichnungen einen rücksichtslosen, obszönen, derben, rüpelhaften Plauderton, dass man fassungslos belustigt zusieht, wie die halbverweste Königinmutter durchs Loch im Toilettenboden in die Schlosskloake stürzt. Eine unerwartete Mischung, die man weder als Quatsch abtun noch als weise bejubeln kann. Man muss den Autor und den Verlag zum Mut beglückwünschen, aber – Himmel, wo sortiert man sowas ein??


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